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Beraten



Der gut Beratene geht mit sich selbst zu Rate, der gut Ratende unterstützt ihn dabei. Walter Benjamin hat es gewußt. Sein Kurztext – das Beste, was ich je zur Frage der Beratung fand – hier noch einmal:
Nicht abraten. Wer um Rat gefragt wird, tut gut, zuerst des Fragenden eigene Meinung zu ermitteln, um sie sodann ihm zu bekräftigen. Von eines anderen größerer Klugheit ist keiner so leicht überzeugt, und wenige würden daher um Rat fragen, geschähe es mit dem Vorsatz, einem fremden zu folgen. Es ist vielmehr ihr eigener Entschluß, im Stillen schon gefaßt, den sie noch einmal, von der Kehrseite gleichsam, als ›Rat‹ des anderen kennen lernen wollen. Diese Vergegenwärtigung erbitten sie von ihm, und sie haben recht. Denn das Gefährlichste ist, was man ›bei sich‹ beschloß, ins Werk zu setzen, ohne es Rede und Gegenrede wie einen Filter passieren zu lassen. Darum ist dem, der Rat sucht, schon halb geholfen, und wenn er Verkehrtes vorhat, so ist, ihn skeptisch zu bestärken, besser, als ihm überzeugt zu widersprechen.”
„Wer um Rat gefragt wird ...” - richtig eröffnet Benjamin mit dem, was an den Anfang allen Rats gehört: er muß erbeten sein. Rat, ungefragt erteilt, ist lästig, wenn nicht lächerlich. Einen guten Rat gebe er stets weiter, heißt es in Wildes „Ein idealer Gatte”. Das sei das einzige, was sich damit machen lasse.
Ebenso richtig: Benjamins zweite Empfehlung. Zunächst ist „des Fragenden eigene Meinung zu ermitteln”. Das heißt? Wer um Rat gefragt wird, hat sich zuerst als Zuhörender zu bewähren. „Höre geduldig den an, der mit dir spricht, und beeile dich nicht, ihn zu unterbrechen. Man fängt keine Unterhaltung mit Antworten an”, sagt der weise Heykar in „Tausend und eine Nacht”. Was er sagt, ist wahrhaft weise, denn Zuhören ist die Seele jeden Gesprächs. Als Tugend hieße sie „Eingelassenheit”, denn das Vermögen zuzuhören bedarf der Gelassenheit, die gestattet, uns auf den anderen einzulassen.
Doch was ist „zu ermitteln”? Des Ratsuchenden „eigene Meinung”? Womöglich sein „eigener Entschluß, im Stillen schon gefaßt”? Doch der philosophische Praktiker weiß, daß wenige um Rat nachsuchten, kennten sie bereits ihre Meinung, der sie allenfalls nicht trauten, oder wäre ein Entschluß schon halb gefaßt, in dem sie sich bestärken ließen. Also hat nicht selten der Ratende ein Er-ratender zu werden: Als Hieroglyphen-Leser hat er zu entziffern, worauf es in diesem einen, besonderen Fall ankommt. Und dann gilt: Der Ratende muß nicht Bescheid, wohl aber weiter wissen. Und weiß er die „Lösung” nicht, so vielleicht, welcher Knoten zu lösen ist, in dem sich das Problem verheddert hat.
Dann mag die „Rede und Gegenrede” beginnen, die der gut Beratene seine Gedanken passieren läßt „wie einen Filter”. Das Bild ist vorzüglich. Wer eines anderen Rat sucht, berät sich mit ihm, und doch ist dieser andere, der ihm „sein Ohr leiht”, nicht nur Statist und nicht nur der geduldig Hörende. Der Berichtende hört nun gewissermaßen mit jenem anderen Ohr, das der Ratende ihm „lieh”, seine eigene Ansicht anders. Ist es ein feines, empfindliches Ohr ist, das er sich „geliehen” hat, hört er nun Zwischen-, Unter- und Obertöne vernehmen, die ihm bisher an seiner eigenen „Version” entgingen.
Vor allem aber wird ihm, wie Benjamin sagte, die Unterredung mit dem Ratenden zum „Filter”, den nicht der beliebige und erste Einfall, sondern einzig der geläuterte Gedanke passiert und der geprüfte Entschluß. Dazu ist erforderlich, daß der Ratende jemand ist, der Rat nicht schon weiß, sondern, wie der Ratsuchende selbst, Rat sucht. Wie nur der zum Schriftsteller berufen ist, dem das Schreiben schwer fällt, so ist ein guter Ratgeber, der weiß, guter Rat ist nicht nur „teuer”, sondern selten. Ein Ratschlag, fertig hingeworfen, wird zurecht verworfen.
Was aber ist mit Benjamins abschließendem Diktum, besser sei es - habe der Ratsuchende Verkehrtes vor -, ihn darin skeptisch zu bestärken, als ihm überzeugt zu widersprechen? Schließen wir uns dem an? Ja. Denn wer Rat sucht, ist der Täter seines Lebens und bleibt es. Daß der Ratende ihn skeptisch bestärkt, ist Einwand genug. Und der mag zu denken geben. Was mehr ist, ist von Übel.


Dieser Kurztext ist zuerst veröffentlicht in: "Was kommt. Was geht. Was bleibt." hg. v. Markus Schächter, Freiburg 2001, mit Texten von (u.a.) Kardinal König, Wilhelm Hengsbach, Peter Sloterdijk, Robert Leicht, Wolfgang Frühwald, Horst Opaschowski, Friedrich Schorlemmer, Hans Maier, Kurt Biedenkopf, Richard Schröder, Hans-Georg Gadamer, Bernhard Vogel, Eberhard Jüngel, Wolfgang Schmidbauer, Dieter Stolte, Dorothee Sölle, Angela Merkel, Wolfgang Huber, Hilde Domin, Annemarie Schimmel, Karl Kardinal Lehmann, Wolfgang Thierse, Ernst-Wolfgang Böckenförde, Aleida Assmann, Joseph Kardinal Ratzinger
 




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