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Gerd B. Achenbach

Was Menschen in die Philosophische Praxis führt



(Kurze Auszüge aus verschiedenen Veröffentlichungen)

Der Fall ist heute häufig der, daß das selbstverständliche, gewohnte Denken als gewissermaßen unlebendig und schematisch, jedenfalls als langweilig erfahren wird und daß man spürt, es lasse keine neuen, wirklichen Erfahrungen mehr zu, auf eine eigenartig schlimme Weise sei es fertig, abgeschlossen, unbeweglich, routiniert und darum unempfindlich – also zwar erprobt und tüchtig, aber ohne das Talent, das Leben zu bereichern.
Die dominanten Grundempfindungen, die den Menschen unter solchen Umständen befallen, sind Interesselosigkeit und Apathie, das innere Gefühl wie ausgebrannt, die Lust zu leben irgendwie erloschen, der Antrieb, Neues anzufangen, ist verpufft. ...
Der Mensch beginnt zu leiden. Doch: woran?
Eigentlich nicht unter Schmerzen, oder doch nicht unbedingt, auch nicht qualvoll, sondern eher dumpf, gedrückt, irgendwie betrogen und beraubt, und vor allem: dauerhaft und scheinbar ohne Ausweg.
Zur skizzierten Symptomatik, die sich immer mächtiger zur Geltung bringt, ist die Frustration zu rechnen, daß den Menschen das, was ihm wohl klar ist, langweilt, und was ein intensives Interesse, Anteilnahme und Lebendigkeit erwecken könnte, unbekannt.
In solcher Lebensverstimmung fehlt ein Geist, der aus einem öden und erlebnisarmen Einerlei des Lebenstrotts befreit, Überraschungen bereitet, wach macht, aufmerksam, gespannt, lange abtrainierte Neugier neu entfacht, Ausgeschlossenes erschließt, andere und neue Perspektiven und bisher versperrte Aussichten eröffnet und auf diesem Wege Übersehenes ins Licht stellt, Starres und Ermattetes bewegt, Festgesetztes aus der Stelle rückt.
[aus: „Philosophie als Beruf”, 1982, in: „Philosophische Praxis”, 1984]


Gefährdungen des Menschen sind ausnahmslos die Kehrseite seiner Größe und seines Ranges. Seine Größe und sein Elend gehören zusammen. [...]
Die Formen des Scheiterns,
der Existenzverfehlung, entstammen demnach nicht dem Bereich des Inferioren, den animalischen Kellergewölben sozusagen, wo die Wölfe heulen (Nietzsche), sondern sie ereignen sich in der ›bel-étage‹ der Personalität, dort also, wo der Mensch seine Freiheit mißbraucht und das Privileg seiner Bestimmung verschleudert.
Helmut Thielicke


Ausnahmslos alle, die in die Philosophische Praxis kamen, hatten Schwierigkeiten und Probleme mit sich selbst und anderen, nicht aber mit der Philosophie. ...
Dem entspricht, daß die ›Eröffnung‹ der Philosophischen Praxis, die in jedem Falle vom Besucher ausgeht – er spielt mit Weiß und hat den ersten Zug, der philosophische Berater spielt Schwarz und reagiert –, in der Regel nicht durch eine Frage eingeleitet wird, die eine philosophische Auskunft erfordern würde, sondern mit einem Problembericht, also der Erzählung dessen, was ist, dem Betroffenen geschieht, ihn belastet, quält, irritiert, ihn nicht zur Ruhe oder auch zu fälligen Entschlüssen kommen läßt, was ihn überwältigt oder von sich selber abzieht, ihn verstrickt, Wünsche ignorieren, Hoffnungen vereiteln läßt, Erwartungen zerstört, Sicherheiten untergräbt, Enttäuschungen bereitet, Selbstverständlichkeiten außer Kraft setzt, Fraglichkeiten eine unheimliche Plausibilität verschafft, fasziniert, erschreckt, was ängstigt oder Furcht macht, was frustriert, beleidigt, niederdrückt, entrechtet, aus der Fassung bringt und aus der Bahn wirft. Als allgemeinste Problem-Metapher könnte gelten: ›nicht zurechtzukommen‹, ›nicht weiterzuwissen‹, ›stecken geblieben zu sein‹.
[aus: „Die Eröffnung”, ZDP 1/1983, in: „Philosophische Praxis”, 1984]

Philosophie als Praxis also wird von einem zweifachen Bedürfnis angefordert:
- Auf der einen Seite begegnet uns der immer dringlichere Wunsch, individuelle Lebensrisiken, stagnierende Konflikte etwa oder Krisen, Überwältigungs-Erlebnisse, hinausgeschobene Entscheidungen, verlorene Verhaltenssicherheiten oder subjektiv bedrückende Entfaltungshemmungen, aber auch Gewissenszweifel und Verständnismängel oder die (nach meiner Ansicht überstrapazierten) ›Sinn-Verluste‹ mit einem kompetenten und im sehr genauen Sinn verständnisvollen Partner in Gesprächen zu bedenken und womöglich aufzulösen. [...]
- Auf der andern Seite aber wird die Frage nach einer Philosophischen Praxis dringend, seit sich gegenwärtig – wirksam unterstützt von Aufklärungskampagnen in den öffentlichen Medien - die fällige Erkenntnis durchsetzt, daß die Psychotherapie-Annoncen oftmals wenig seriös, wenn nicht in vielen Fällen abenteuerlich und jedenfalls bedenklich sind.
Philosophie hingegen hat sich nicht zu Unrecht einen Ruf besonderer Solidität, verantwortlicher Gründlichkeit und – wenn auch nicht der Weisheit, so doch – der Besonnenheit erworben. [...]
Davon abgesehen habe ich den Eindruck, daß der Philosoph als berufen angesehen wird, sich engagiert auf vorgetragene Probleme einzulassen und sie nicht mit Hilfe eingeschliffener Methoden aus dem Weg zu räumen oder konventionell zu leugnen.
[aus: „Philosophische Lebensberatung.” Vortrag an der Uni. Klagenfurt, 1983, in: „Philosophische Praxis”, 1984]
 




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