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Gerd B. Achenbach

Die Kultur des Unternehmens ist nicht die „Unternehmenskultur”



Zur Kritik und Berichtigung der gängigen „Corporate-Culture”-Konzepte

Die Kultur der Unternehmen sei nicht ihre „Unternehmenskultur” - dieser Titel klingt nach einem Paradox, jedenfalls widersprüchlich. Und dies zu Recht: Denn die Absicht der folgenden Überlegungen ist es, die seit einigen Jahren ausgerufenen Ideen zur „Unternehmenskultur” zu kritisieren, zugleich aber auf eine Kultur aufmerksam zu machen, ohne die die Unternehmen keinen Bestand und keine Zukunft hätten.
Um mich verständlich zu machen, sind folgende Schritte nötig, die ich zur Übersicht einleitend nenne:
1. Ich werde einige sehr allgemeine Überlegungen zum „Schicksal der Kultur” unter den Bedingungen der modernen Welt vorausschicken.
2. Ich werde zeigen, daß es eine bestimmte Kultur oder ein bestimmtes Verständnis von Kultur ist, das in der modernen Welt verloren geht und verloren gehen muß.
3. Es wird sich zeigen, daß die Unternehmen, die gegenwärtig der neuesten Empfehlung nachkommen, sich um ihre „Unternehmenskultur” zu kümmern, unbemerkt jene „Kulturen” wiederzubeleben versuchen, die zum Untergang verurteilt sind.
4. Ich werde danach an einen Begriff der Kultur erinnern, der durch die moderne Welt weder erledigt noch überflüssig wurde, allerdings in Vergessenheit geriet und jedenfalls regelmäßig übersehen wird. Die These ist: Was bislang unbeachtet blieb, ist in Wahrheit das Wesentliche.
5. Zuletzt werde ich dazu raten, die Vorstellungen von „Unternehmenskultur” gründlich zu korrigieren, und zwar dadurch, daß sie nunmehr auf einen angemessenen, gegenwartsgerechten Begriff der Kultur gegründet werden.
- Deutlich ist also wohl die doppelte Absicht, eine bestimmte Idee von „Kultur” zu kritisieren - das wird die Aufgabe des ersten Teils sein - und für einen geläuterten Begriff der Kultur zu werben - was die Aufgabe des zweiten Teils sein wird.
Die kritisierte, kritikbedürftige, von der modernen Welt überholte „Kultur” ließe sich „Folklore-Kultur” nennen, jene Kultur aber,
die gewöhnlich zwar übersehen wird, tatsächlich aber alle Beachtung verdiente, wird im folgenden den Ehrentitel „universelle Kultur” erhalten.
Zuletzt soll in dieser einleitenden Ankündigung noch erwähnt werden, daß beiden strikt zu unterscheidenden Kulturbegriffen zwei ebenso verschiedene Vorstellungen von „Identität” entsprechen. Dies zu beachten ist insoweit wichtig, als alle Ideen einer „Unternehmenskultur” schillernd mit dem Begriff der „Identität” verbunden sind. In den gängigen „Corporate Culture”-Konzepten geht es - kurz gesagt - darum, die „Corporate Identity” zu stärken und zu profilieren.
In diesem Zusammenhang wird also die erste Frage sein: Was hat „Kultur” mit „Identität” zu tun?
Die zweite Frage aber ist: Welche Kultur entspricht welchem Begriff von Identität?
Soweit zur Übersicht und zur Ankündigung meines Vorhabens.

Das Schicksal der „Folklore-Kulturen”

Seit knapp zehn Jahren hat das Wort „Unternehmenskultur” Konjunktur. Noch aber ist nicht entschieden, ob das, was unter diesem Titel den Firmen nahegebracht werden soll, mehr ist als ein kurzzeitiger „Trend”, der bestenfalls den entsprechenden Beratern das Angebot ihrer Dienste erleichtert.
Zweifel an der Seriosität des neuen Angebots an Unternehmen, sich selbst zu reflektieren, begründet die unübersehbare Tatsache, daß die moderne Welt alle Sonder- und Spezialkulturen um ihr Ansehen und ihre Bedeutung gebracht hat, während den Unternehmen eben jetzt solche Sonder- und Spezialkulturen anempfohlen werden.
Was ist gemeint, wenn hier von „Kulturen” gesprochen wird?
Es waren einmal landschaftsgebundene Heimat- und Volkskulturen sowie bestimmte Sitten und Bräuche der Stände, Innungen, Zünfte und Korporationen, die dem Menschen das Empfinden bedeutsamer Zugehörigkeit vermittelten und ihn als Mitglied überschaubarer Gemeinschaften integrierten, ihn also formten und bestimmten.
Ausdruck solcher Kultur waren beispielsweise die besonderen Trachten, durch die sich die Bewohner eines gemeinsamen Heimatlandes verbunden wußten. In vergleichbarer Weise unterschied sich von Landschaft zu Landschaft die Küche, ebenso wußte jede
Region ihre eigenen Sagen und Mythen zu erzählen oder war eine spezielle Architektur und Bautradition in ortsverbundener Eigenart ausgeprägt.
Um ein einziges Beispiel herauszugreifen: Selbst die großen christlichen Feste verbanden sich volks- und heimatspezifisch mit besonderen Riten und Bräuchen, die das allgemeine Ereignis zum besonderen und eigenen Erlebnis umgestalteten. Hier war es üblich, zu Pfingsten einige Ochsen zu schmücken und so durch den Ort zu führen, dort war es Brauch, daß anläßlich desselben Festes die Burschen des nachts allerlei Schabernack trieben (Pfingsten verband sich dort also mit Traditionen der „bösen Nacht”), an wieder anderen Orten wurde das Fest in besonderer Weise mit älteren Frühlings-Mythen und Ritualen angereichert usw.
Wie die jeweilige Heimat, so prägten auch die Stände, Innungen und Zünfte sowie die Korporationen die Menschen, die sich ihnen zugehörig wußten. Besondere Kleidung, im Falle der meisten Zünfte sogar bestimmte „Trachten”, Verhaltensregeln und Muster des Zusammenlebens bildeten unterschiedliche Stile aus.
Was gemeint ist, läßt sich an einem der letzten Relikte dieser ehemals mächtigen „Sonder-Kulturen” studieren: Noch immer gibt es, wenn sie auch zum Verschwinden verurteilt sind, einige Studenten-Korporationen, die sich der Pflege ihrer alten Traditionen, ihrer Trachten, Bräuche und „Werte” annehmen. Spezielle Fahnen und Standarten, Embleme und Symbole, Trinksprüche und -Sitten, Begrüßungsformeln und Umgangsformen vervollständigen das Bild einer solchen Spezial-Kultur: Wer dazugehören wollte, hatte sich einzufügen.
Es ist nun wohl unnötig, Beweismaterial für die einfache These beizubringen, daß in und mit der modernen Welt alle diese - wie ich sie nennen möchte - „Folklore-Kulturen” ihr Ende finden, sofern sie nicht bereits untergegangen sind. Allenfalls werden sie noch nostalgisch „gepflegt” (was sich heute eine Fülle rühriger Heimat- und Traditions-Vereine als Freizeit füllende Aufgabe angelegen sein lassen), aber das ist etwas anderes, als solche Traditionen wirklich zu „leben”.
Weniger bekannt und unumstritten dürfte allerdings sein, was an die Stelle dieser „Kulturen” getreten ist.
Um aber diese Frage zu klären, ist es nötig, in Erinnerung zu rufen, welche Funktion jene vor-modernen Kulturen erfüllten.

Kulturen und Identitäten

Was zum Zusammenhang von Kultur und Identität zu sagen ist, läßt sich zuvor auf eine einfache und kurze Formel bringen:
Die Kultur ermöglicht und bestimmt die Identität.
Aber damit ist weder bereits alles gesagt, noch sind die Mißverständnisse ausgeräumt, die sich häufig mit dem Begriff der Identität verbinden. Darum will ich das Wort kurz erläutern.
Identität ist die Antwort, die wir geben, wenn wir gefragt werden, wer wir sind. Und diese Antwort lautet nicht: „Ich bin ich.”
Vielmehr antworten wir, indem wir etwa sagen, wir seien da und da zur Welt gekommen, da und da wohnhaft, wir seien der Sohn oder die Tochter von diesem Vater und jener Mutter, wir ergänzen, welchen Beruf wir gelernt haben und welcher Tätigkeit wir jetzt nachgehen, eventuell geben wir außerdem an, welcher Firma wir angehören, wir sagen, ob wir verheiratet sind und, wenn ja, mit wem, ob Kinder aus dieser Ehe hervorgegangen sind usw.
Was tun wir also, wenn wir unsere „Identität” bekennen? Antwort: Wir benennen unsere Zugehörigkeiten: Wir gehören zu diesen Eltern, diesen Kindern, dieser Heimat, diesem Volk, diesem Berufsstand; schließlich: wir sind Kinder dieser Zeit, denn wir sind in diesem bestimmten Jahre geboren.
Die Frage ist nun, ob jene Angaben „etwas sagen” oder nicht; ob es für mich eine „Bedeutung” hat, beispielsweise jener Heimat zuzugehören oder nicht. Ich könnte auch sagen: die Frage ist, ob jene Auskünfte einen näheren, mich tatsächlich bestimmenden Inhalt enthalten oder nicht.
Und die Antwort lautet: Es waren die Folklore-Kulturen, die den Identitäts-Auskünften einen Inhalt gaben.
Ein Beispiel soll dies erläutern: das Kultur-Kleid, die Tracht.
Die Kärntnerin, die das Kärntner Dirndl trug, bekannte und wußte sich auf diese Weise als Kärntnerin und unterschied sich zugleich verläßlich von ihren Geschlechtsgenossinnen aus Salzburg, dem Salzkammergut oder Tirol. Das heißt, in einer Kultur zu leben. Im Beispiel: wissen, was man anzuziehen hat. Die Tracht tragende Frau weiß, wo sie hingehört, und sie weiß, was das heißt und für sie bedeutet: etwa dieses Dirndl und kein anderes zu tragen, denn diese Tracht ist Ausdruck ihrer Identität.
Zu ergänzen ist, daß alle weiteren Gehalte der Folklore-Kultur, die bereits aufgezählt wurden, in vergleichbarer Weise zur Beantwortung der Identitätsfrage beitrugen.
Und zu betonen ist: Identität als kulturell ermöglichtes „Zugehörigkeits-Wissen” und Gemeinschaft-Empfinden ist hier vor allem ein „Unterscheidungs-Wissen”. - Die Pointe des Identitätsgewinns aus den alten regionalen oder partikularen Kulturen ist also: „so wie wir” und „nicht wie die andern” zu sein: sich anders zu kleiden, anders zu essen, andere Sitten und Bräuche zu kennen und anderen Traditionen anzuhängen als alle anderen und Fremden.
Doch noch einmal: Die Folklore-Kulturen sind untergegangen oder werden allenfalls noch als nostalgische Reminiszenzen „gepflegt”. Ihre Identität verbürgende Funktion hingegen haben sie eingebüßt.
Und die Frage stellt sich, was in der Moderne an die Stelle der alten Kulturen getreten ist. Zur Beantwortung der Frage aber soll mir das einmal gewählte Beispiel, die Tracht, verhelfen.

Tracht und Mode als Exempel

Wiederum läßt sich das weitere zuerst in die Kurzform einer These fassen:
Was in der vor-modernen Welt der Folklore-Kulturen die Tracht war, ist in der modernen Zeit die Mode.
Vor allem aber: Erst der Untergang der Tracht machte den Einzug der Mode möglich und dringend.
Die Tracht war das Wissen, wie wir uns kleiden. Oder: Mit dem Ende der Tracht wissen wir buchstäblich nicht mehr, was wir anziehen sollen. Hier tritt die Mode ein wie das Kochbuch mit internationalen Gerichten oder Anregungen für die „moderne Küche”, sobald die regionale Kochkultur als Tradition ihre Verbindlichkeit verloren hat.
Die These klingt bis dahin und vorerst simpel und selbstverständlich. Ein weitergehendes Interesse findet sie möglicherweise, wenn wir uns genauer ansehen, was sie enthält.
Stellen wir uns vor, ein Vorfahre hätte alle Trachten in ihrer bunten Fülle und reichen Vielfalt kennenlernen wollen. Was wäre ihm zu raten gewesen? Eine Reise von Volk zu Volk, von Landschaft zu Landschaft, zum Teil von Ortschaft zu Ortschaft; kurz: er hätte er Reise durch den Raum veranstalten müssen.
Und wenn wir heute alle Moden kennenlernen wollten? Müßten wir uns auf eine Reise durch die Zeit und die Geschichte machen.
Warum erwähne ich diese Differenz? Weil sie eine bedeutsam veränderte IdentitätsVoraussetzung verrät. Während die aus der Tracht gezogene Identität auf der Unterscheidung beruht: Hier trägt man etwas anderes als dort, beruht die Identität der Mode auf der Unterscheidung: heute trägt man etwas anderes als gestern. Oder: An die Stelle des bindenden Raums ist die Zeit getreten.
Welche weitreichende Bedeutung dieser Verschiebung unserer Orientierung - ehemals im Raum, jetzt in der Zeit - zukommt, läßt sich ein weiteres Mal zunächst an Tracht und Mode zeigen:
Der Geltung oder Anerkennung einer bestimmten Tracht waren enge geographische Grenzen gesetzt, die Zeit hingegen - die Macht des Veraltens - vermochte ihr kaum etwas anzutun.
Umgekehrt die Mode: Ihre Geltung ist zeitlich eng begrenzt, dagegen vermögen ihr geographische Grenzen kaum zu widerstehen. Was Mode ist, erfaßt mehr und mehr die ganze Welt.
Also: Die Tracht als das Kleid der Folklore-Kultur ist von langer, die Mode von kurzer Dauer. Was hingegen die Grenzen ihrer Geltung betrifft, gilt umgekehrt: Jene sind eng, diese weit.
Welches Gewicht dieser modernitätstypischen Veränderung zukommt, zeigt sich allerdings erst, wenn wir berücksichtigen, daß die Gehalte der Folklore-Kulturen Verbindlichkeiten waren, die nun, in der modernen Welt, um ihre Anerkennung gebracht sind -und: daß die moderne Welt, die die Zerstörung der alten Folklore-Kulturen i s t , einen Ersatz für diesen Verlust an Orientierung zu schaffen hatte und tatsächlich auch zunächst bereitgestellt hat: die „Geltung aus Modernität” nämlich.
Ich denke, erst wenn wir diesen problematischen Übergang von den vor-modernen Verbindlichkeiten aus Kultur zu den modernen Geltungen aufgrund ihrer „Modernität” deutlich sehen, läßt sich die gegenwärtige Konjunktur der „Unternehmenskultur” verstehen und angemessen als Problem begreifen.

Wie die kulturelle Verbindlichkeit verging ...
      ... so vergehen die modernen Geltungen



Noch einmal, zum Exempel, die Tracht: Ihre Verbindlichkeit - denken wir etwa auch an die Traditions-Kleider der Zünfte: das bekannteste dürfte heute noch das der Zimmerleute sein - wurde durch Dauer und Beständigkeit bestärkt. Was als richtig und angemessen galt, war gültig, weil es „schon lange” oder „schon immer” in Geltung war -eine Lösung des Verbindlichkeits-Problems, die übrigens nicht ohne Weisheit war, denn: Was gilt, weil es alt ist, kann nicht „veralten”. Veralten kann nur das Prinzip, Geltungen auf Alter zu stützen.
Darum auch war der Siegeszug der modernen Zeit gegen die alte Welt der Folklore-Kulturen kaum anders möglich, als so, daß tatsächlich mit dem Anciennitäts-Prinzip selbst gebrochen wurde (also mit dem Grundsatz, der dem Alten ein Vorrecht vor dem Neuen einräumte).
Was aber geschieht unter dieser Modernitätsbedingung mit den Verbindlichkeiten und Geltungen? Sollten sie sich tatsächlich -statt auf Dauer und Beständigkeit - nun auf Kürze und Vergänglichkeit stützen lassen?
Es genügt, sich umzuschauen, um diese (konstruierte) Vermutung zurückweisen zu können. Nein - etwas anderes hat sich an die Stelle der alten Verbindlichkeiten gesetzt: Der Primat der Gegenwart gegenüber der Vergangenheit, des „jetzt” gegenüber dem „früher”. Ich trage dieses Kleid, weil es jetzt Mode ist.
Daß sich diese fundamental neue Rechtfertigungsvoraussetzung nun keineswegs allein auf Kleidung und Mode erstreckt, vielmehr gerade ebenso das Denken, Einschätzen, Urteilen und die Ausbildung und Bekräftigung von Gesinnungen bestimmt, darüber kann uns rasch jedes beliebige Gespräch unter Zeitgenossen belehren: Die Schematisierung „heute so”, „früher so”, ist zum gängigen Schibboleth geworden, mit Hilfe dessen Gültiges von Ungültigem (da „veraltet”, „überholt”, „erledigt”) geschieden wird. „Wir erziehen unsere Kinder heute schließlich nicht mehr wie früher...” „Während die Ehe früher als Zwangsanstalt kaum angetastet werden durfte, hat die Frau von heute ihr Recht entdeckt...” „Der hat ja völlig veraltete Ansichten...” usw.
Nun ist allerdings zu beachten, daß alle Geltungen, die ihre Berechtigung aus ihrer Gegenwärtigkeit beziehen und damit zeitabhängig sind, von der Zeit selbst auch erledigt werden - denn: sie stützen sich auf eine vergehende Zeit. Die Voraussetzung ihrer Geltung ist also, daß sie selbst alt und damit ungültig werden. Was modisch gilt, gilt um den Preis, selbst unmodisch zu werden.
Wichtiger noch ist allerdings wohl etwas anderes:
Wie die ehemaligen Geltungen aus Anciennität der Anerkennung des Alten überhaupt bedurften, so bedürfen die modernen Geltungen, die auf ihrer Gegenwärtigkeit beruhen, der generellen Anerkennung der Gegenwart: Sie gelten nur dort, wo sie von „Zeitgenossen” anerkannt sind, die sich als „Zeitgenossen” affirmieren und „im Grunde” mit ihrer Gegenwart versöhnt sind - m.a.W.: die sich ihrer Zeit so angehörig empfinden, wie die alte Kärntnerin ehemals ihrer Kärntner Heimat. Oder:
Das „Modernitäts-Prinzip”, das neuzeitlich wechselnden Geltungen die Anerkennung zu verschaffen vermochte, gilt eben nur für Menschen, deren „Identität” es ist, „modern” zu sein.
Und nun wage ich eine These, die möglicherweise gar kein Wagnis mehr ist:
So, wie sich die Menschen zu Beginn der Moderne aus ihren Ortsgebundenheiten und damit aus ihren Folklore-Kulturen „befreit” haben, so beginnen sie sich jetzt aus ihrer Gegenwart zu „emanzipieren”. - Kurz: Die Modernitäts-Diktate werden immer entschiedener von immer mehr Menschen in Frage gestellt. Schon geringe Bildung - als erworbenes Erinnerungsvermögen - genügt, um sie aus ihrer Zeit-Borniertheit herauszureißen und sie - der Möglichkeit nach - mit ihrer Gegenwart zu entzweien.
Dann vergeht ihnen ihr Stolz, „modern” zu sein. Dann aber gilt für sie weder, was früher einmal aufgrund langer Dauer galt, noch das, was jetzt als „jetzt gültig” gelten soll. -Der Mensch wird zum „Orientierungswaisen” (H. Lübbe).
Mit ein wenig gelassenem Mut zur groben Skizze könnte ich auch - teils zusammenfassend, teils vorgreifend - sagen: Wie wir zunächst die Geborgenheit in den Verbindlichkeiten regionaler und partikularer Kulturen verloren haben - denn die Folklore-Kulturen vermochten nicht zu überleben -, so kommen uns nun auch die Leitungen durch eine regierende Zeit und Gegenwart abhanden, und damit verlieren wir jetzt, was an die Stelle der alten Kulturen getreten war und ihren Verlust ausgeglichen hatte.

Vergebliche Renaissancen

Seither aber - da eine Lösung des Problems den betroffenen Menschen noch nicht einleuchtet - werden Sehnsüchte mächtig, das Alte, das Verlorene zu rehabilitieren. Das ist die Stunde der Renaissancen.
Allerdings: Keine Renaissance bringt die verlorene Welt wirklich zurück. Alle diese Versuche sind hoffnungslos. Was einmal von Dauer und von beständiger Bedeutung war und dann doch untergehen mußte, kehrt nie wieder. Nur das Kurze, Ephemere, ehemals Modische läßt sich so zurückholen, wie es gegangen ist. Der Minirock ist jederzeit neu modefähig - die Tradition der Tracht hingegen ist niemals wieder zu beleben.
Warum ist das so?
Wir mögen uns zwar mental mit der modernen Welt entzweien und uns den Diktaten der Gegenwart entfremden, wir mögen den „Glauben an das Heute” verlieren - doch wir werden die fundamentalen Voraussetzungen der modernen Welt nicht los.
Noch einmal soll uns die Tracht als Beispiel dienen. Es ist sehr wohl möglich, daß in einigen Jahren das Dirndl „Mode” wird. Und dennoch: Diese Wiederkehr wäre gerade nicht die Wiederkehr der Tracht. Denn als Mode vermarkten läßt sich das Dirndl nur im großen, möglichst weltweiten Stil. Allein mit dieser Voraussetzung ökonomischer Effizienz bereits kollidiert die regionale Partikularität des „originalen” Dirndls. Nicht einmal die begleitenden Medien - die Modezeitschriften - wären in der Lage, für jedes Tal, jede Landschaft und Region eine eigene Ausgabe zu erstellen.
Vor allem aber: Das modische Dirndl wäre nun Mode, d. h. von kurzer Dauer. Was also aussähe wie eine Wiederkehr des Kultur-Kleides, wäre doch sein Gegenteil. Ergo: Die Moderne kann alles einführen, nur nicht das Gegenteil ihrer selbst: die Dauer und die Beständigkeit. Sie kann nicht zur Kultur zurück, ohne sich selbst aufzugeben.

„Unternehmenskultur”

Wie einige vorangegangene Abschnitte will ich auch diesen mit einer These einleiten:
Was gegenwärtig als „Unternehmenskultur” annonciert wird, ist der Versuch, Firmen als Trägerinnen einer neuen Folklore-Kultur zu profilieren.
Die These bedarf der Erläuterung. Ich beginne mit den Äußerlichkeiten.
Es sind jetzt die Unternehmen, die Tracht anziehen - Esso trägt Rot-Weiß, Shell trägt Gelb, Aral Blau, BP Gelb-Grün -, es sind die großen Firmen, die ihre Embleme in Ehren halten - das berühmteste unter allen dürfte der „Stern” sein -, die sich in Symbolen und Wappen präsentieren, ihre Fahnen heraushängen, ihre Tradition hochhalten („Seit 1876 in Familienbesitz”) und sich in identitätsstiftender Weise ihrer Geschichte erinnern - die museale Pflege der Firmengründer-Mythen gehört hierher -, die einen eigenen „Stil” kreieren und ihm die Treue halten („Wir sind das unmögliche Möbelhaus aus Schweden...”) und ihre eigenen Grundsätze und Bräuche bekräftigen, die gegenwärtig auch gern unter dem Titel „Unternehmensphilosophie” rubriziert werden.
Ich denke, eine noch ausführlichere und umständlichere Illustration der gegebenen - unvollständigen - Aufzählung erübrigt sich: Die großen Unternehmen sind in so unübersehbarer Weise uns allen präsent, daß jedermanns Erfahrung leicht vervollständigt, was ich hier nur andeuten konnte.
Vor allem bemerkenswert aber scheint mir, daß die Firmen nun auch auf jenes Verständnis von „Identität” setzen, das den Menschen ehemals in den mittlerweile untergegangenen Folklore-Kulturen vermittelt wurde: das Bewußtsein, anders zu sein.
Gertrud Höhler hat dies in einem kürzlich in den „IBM-Nachrichten” (Nr. 300, III / 1990) veröffentlichten Aufsatz unter dem Titel „Unternehmenskultur - Motivation zum Erfolg” mit wünschenswerter Deutlichkeit ausgesprochen: „Als kreative Kraft wirkt die Firmenkultur nur dann, wenn sie etwas Unternehmensspezifisches ist. Sie muß sich von anderen Kulturen abheben. (!) Die Mitarbeiter müssen erleben, daß bei ihnen die Uhren anders gehen als bei den Wettbewerbern...”
Hier ist klar jener Identitätsgewinn ausgesprochen, den in vor-moderner Zeit die regionalen und partikularen Kulturen abwarfen: Es ist das Bewußtsein, „wir sind anders als die andern, also sind wir Wir”. Oder: Wir wissen, wer wir sind, denn wir unterscheiden uns. Identität ist hier noch einmal „Unterscheidungs-Wissen”. „Kultur” entsprechend: besondere, „spezifische” - oder wie ich sie nannte: „Folklore-Kultur”.
Es genügt jedoch, einen Schritt zurückzutreten, um das Anachronistische und Nostalgische an der Empfehlung Gertrud Höhlers zu entdecken: Eine der modernitätsbedingten Erfordernisse ist nämlich gerade umgekehrt, daß überall die Uhren gleich gehen und alle
Welt mit aller Welt in einer Sprache und auf der Basis gemeinsamer Grundsätze miteinander handeln, Verträge schließen und sich überhaupt verständigen kann.
Und - offenbar ohne sich dessen bewußt zu sein - bestätigt dies Frau Höhler auch, indem sie nach ihrem Plädoyer für eine „spezifische”, sich unterscheidende Unternehmenskultur Merkmale derselben aufzählt, die allesamt und ohne Ausnahme Empfehlungen sind, die jedem Unternehmen zu geben wären.
Oder sollte sich aus Grundsätzen wie den folgenden (ich wähle nur drei aus, die anderen bestätigen in derselben Weise denselben Befund) Besonderheiten eines Unternehmens gewinnen lassen? Sie zählt u. a. auf: Der „authentischen Notiz” sei „vor dem gelackten Skript” der „Vorzug” zu geben, „Vertraulichkeits”-Riten seien zu „reduzieren” und „Anteilnahme der Führungskräfte an den Interessen der Mitarbeiter” sei zu fordern -und so weiter weitere Ratschläge, von denen niemand zu sagen wüßte, inwiefern sich eine Firma, die sie befolgte, damit das zweifelhafte Ansehen erwerben könnte, über anders gehende Uhren zu verfügen...
Was ist also der Befund? Es wird auf der einen Seite eine Sonder-Kultur als Unternehmenskultur empfohlen, auf der anderen Seite aber ergehen Empfehlungen, die von unzweifelhaft allgemeiner Richtigkeit sind.
Warum ist das so, und warum muß sich Frau Höhler - wie alle anderen - bei ihrem Versuch, die Firmen zu beraten, in den genannten Widerspruch verwickeln?
Weil unter den Bedingungen der modernen Welt tatsächlich nichts „vernünftigerweise” empfohlen werden kann, was nur „partikular” und im Rahmen einer Sonder-Kultur Berechtigung hätte. Denn - das war die zentrale These bisher - die Folklore-Kulturen sind nicht aus Zufall untergegangen: Sie mußten vergehen, weil Verbindlichkeit als „besondere” Geltung nicht mehr zu haben ist: Verbindlichkeiten, die weiter der Einschränkung unterliegen, nur hier und nicht auch überall sonst zu gelten, halten nicht mehr Stand.
Mit anderen Worten: Sofern die Unternehmen eine Unternehmenskultur wollen, die der Struktur nach eine Folklore- oder Unterscheidungs-Kultur ist - das aber ist es, was ihnen bisher empfohlen wird... -, wollen sie etwas, was sie ernsthaft nicht wollen können.

Unternehmenskultur als „Firmen-Ästhetik”

Zugleich ist allerdings nicht zu leugnen, daß Firmen tatsächlich - wie ich ja selbst beschrieb - mit einigem Erfolg und durchaus erfolgsfördernd Eigenarten und Besonderheiten entwickelt haben, die u. a. ihre Erkennbarkeit erleichtern. Sie entwickeln eine Konstanz und Kontinuität des Erscheinens, deren Beständigkeit in einer Welt wachsender Veränderungs-Geschwindigkeit und unter der Voraussetzung modern zunehmender Innovations-Bereitschaft Bewunderung verdient.
Alle diese Bemühungen ließen sich geeigneterweise unter den Titel „Konservativismus der äußeren Erscheinung” subsumieren.
Mit noch mehr Deutlichkeitsgewinn aber ließen die sich allerdings als Unternehmens-„Ästhetik” ansprechen, denn tatsächlich geht es bei allen diesen Bemühungen - sofern sie überhaupt einige Berechtigung haben -um die sinnliche Erscheinung des Wirtschaftsbetriebes, seine Außenseite oder - wenn denn unbedingt ein Wort der Zeit in Gebrauch kommen soll -: um sein „Design”.
Philosophisch aber liegt es nahe, auf den eingeführten Begriff der „Ästhetik” zurückzugreifen, weil sich erst dann die plausible These anbietet, die auch in anderen modernitäts-diagnostischen Beschreibungen eine vorzüglich berechtigte Rolle spielt (zuerst bei Joachim Ritter). In allgemeiner Fassung lautet sie: Geschichtlich „Überwundenes” überdauert „ästhetisch”.
Zur denkbar kürzesten Erläuterung und unter Verwendung des bereits eingeführten Beispiels: Die Tracht, ehemals von Existenz prägender Bedeutung, könnte allenfalls als Angelegenheit des „Geschmacks” - also „ästhetisch” - fortbestehen.
Im speziellen Fall der Firmen-Kultur heißt das: Die untergegangenen Folklore-Kulturen und die aus ihnen gewonnene Unterscheidungs-Identität sind zwar im Modus des vollen Ernstes nicht wieder einführbar - denn sie sind tatsächlich und definitiv vergangen -, allerdings vermögen sie im Status verminderten Anspruchs - also als „Schein” und bloße „Außenseite” oder „Erscheinung” -, also „depotenziert” zur Ästhetik zu überdauern.
Das heißt: Ihr inneres Leben, das das innere Leben der Menschen selbst einmal prägte und bestimmte, haben sie verloren; als „Ästhetik” jedoch behalten sie eine Funktion.
Was ist der Gewinn einer solchen Unterscheidung?
Wie alle Kritik - die Ordnung schafft durch Differenzierung - soll sie vermeiden, daß Ideen, die zur „Firmen-Ästhetik” gehören, auf den inneren, wesentlichen Betrieb des Unternehmens übergreifen. Hier nämlich müßten sie notwendig Unheil anrichten und Richtiges in Falsches verkehren.
Um aber eine solche Verkehrung zu vermeiden, ist es jetzt - wie angekündigt - nötig, von den allenfalls „ästhetisch” überdauernden Folklore-Kulturen jene „universelle Kultur” abzugrenzen, von der zu sagen ist: Sie allein vermag die „Kultur eines Unternehmens” zu fördern.
Mit anderen Worten:
Es ist jene universelle Kultur, die Firmen - seit eh und je und so auch heute - nötig haben, wenn sie ihren Bestand sichern und ihre Zukunftsaussichten verbessern wollen.

Zur Kultur des Unternehmens

Zuerst: Was ist unter der „universellen Kultur” zu verstehen?
Diesen Ehrentitel verdient das Ensemble der Verhaltens-, Einschätzungs- und Urteils-Regulative, Grundsätze und leitenden Ideen, die aus dem Menschen ein „kultiviertes Wesen” gemacht haben - und dieses Ensemble geschichtlicher Errungenschaften ist nun wahrlich weder an bestimmte Heimatländer, Völker, Gruppen oder Berufsstände gebunden, noch könnten sie einzelne Unternehmen für sich in ausschließlicher Weise für sich geltend machen.
Was ist gemeint? - Ich zähle einiges auf:
Zu denken ist etwa an Grundsätze der Treue und Aufrichtigkeit, an die Anerkennung von Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit, an die Hochschätzung eines freundlichen Wesens jedermann gegenüber; zu denken ist an den Respekt, den wir einem gewissenhaften Menschen entgegenbringen, während wir einem unzuverlässigen und leichtfertigen Charakter gewöhnlich mit Skepsis begegnen; hierher gehört aber auch der gesamte Kanon sogenannter „Sekundär-Tugenden”: also etwa Pünktlichkeit, Ordentlichkeit, Fleiß und Sauberkeit - ein Kanon, der sich leicht durch einige moderner klingende „Tugenden” ergänzen ließe, etwa: Leistungsbereitschaft, Teamgeist, Kooperationsfähigkeit, Solidarität usw.
Schließlich aber gehört zum Bestand dieser universellen Kultur auch das Verbot von Lüge, Betrug und übler Nachrede, und es gehören Tugenden dazu - wie man sie ehemals nannte - wie Nachsicht, wohlwollendes Verständnis für die Schwächen und Fehler anderer und die Bereitschaft, eigenen Fehlern nicht die Aufmerksamkeit zu entziehen.
Die Aufzählung wäre allerdings allzu lückenhaft, wollte ich nicht auch noch einige spezifische Verachtungen nennen, denn zum Gehalt der universellen Kultur gehört auch, daß vieles - kultivierter Weise -verachtet und verpönt wird.
Zum Beispiel: Ein dauerhaft mürrisches, mißmutiges Wesen, reduzierte Aufsicht über sozialunverträgliche Empfindungen und andere persönlich kränkende Emotionen, Rücksichtslosigkeit, ein einschränkungslos egoistisches Interesse, ein arrogantes, überhebliches Gebaren, Brutalität und Gewalt, engstirnige Besserwisserei.
Und auch hier wären einige neue Errungenschaften zu ergänzen, sofern besonderer Wert auf gegenwärtig diskutierte Unarten des Menschen gelegt wird: So ist jeglicher Ausdruck des „Sexismus” ebenso verpönt wie jede Äußerung des Rassedünkels.
All dies - und manches mehr - läßt sich unter die Erwerbungen einer „Kultur des Menschen” rechnen, die nun nicht in einschränkender Weise für Engländer oder Deutsche oder die Mitarbeiter einer bestimmten Firma zu reservieren sind, sondern den Status allgemeiner Geltung erworben haben. - Es genügt, daran zu erinnern, daß dem Bischof Tutto oder dem Politiker Nelson Mandela weltweit Respekt und Anerkennung gezollt wird: In solcher Anerkennung spricht sich aus, daß es die weltweit unbestrittene Geltung dieser Kultur ist, die die Menschen mittlerweile in jenen beiden Farbigen repräsentiert sehen.

Um das Ethos geht es

Und nun ist hinzuzusetzen, daß eben diese Kultur nicht nur nicht vergangen ist - wie die Folklore-Kulturen -, sondern daß die moderne Welt dieser Kultur in unüberholt dringender Weise bedarf, gerade weil sie komplizierter und in ihren Wirkungen folgenreicher ist als alle früheren Welten.
Und als weiterer Zusatz: Was hier „Kultur” heißt, ließe sich ebenso mit anderem Begriff „Sittlichkeit”, „Moralität” oder „Ethos” nennen - denn darum eigentlich geht es.
Es ist außerdem diese „universelle Kultur”, die für Ästhetisierungen nicht zur Verfügung steht: dafür ist, was sie ist, zu ernst.
Zur abschließenden Erläuterung dieses Abschnitts sei nochmals auf den bereits zitierten Aufsatz von Gertrud Höhler verwiesen. Ich erinnere daran, daß sie - irreführender Weise als Beispiel „unternehmensspezifischer” Kultur vorgestellt - u. a. folgende Verhaltens- und Einstellungsgrundsätze empfahl:
-    „Vorzug für die authentische Notiz vor dem gelackten Skript”,
-    „Vertraulichkeits-Riten reduzieren” und
-    „Anteilnahme der Führungskräfte an den
Interessen der Mitarbeiter” gewährleisten.
Ist zu übersehen, daß hier lediglich älteste Regeln kultivierter Gesittung in neue Worte gekleidet wurden? Welche?
-    Der Grundsatz der Aufrichtigkeit,
-    das Verbot der Nachrede, die zu Ungunsten ausgeschlossener dritter wäre,
-    schließlich das Gebot des allgemeinen Respekts, den wir jedermann zu zollen haben, also auch als „Führungskräfte” unseren „Mitarbeitern”.
Nun ist es zweifellos legitim, die gesicherten Traditionsbestände zur Formulierung eines „kultivierten” Lebens in vergegenwärtigender Absicht so, wie Frau Höhler dies tut, in moderne Sprachgewänder zu stecken. Die Frage ist allerdings, ob solche Umwegigkeit auch ein Ausdruck und Anzeichen dafür sein könnte, daß inzwischen jede direkte und traditionsgemäße Erinnerung an „gute Eigenschaften” des Menschen das Odium des Veralteten auf sich zog.
Und: Wäre dies so, wäre es ein alarmierender Befund, der durch solche zudeckenden Neuübersetzungen nur verschleiert würde.
Dagegen aber wäre vielmehr offensiv zur Geltung zu bringen: Es sind alle diese „guten Eigenschaften” des kultivierten Menschen, die wir in der modernen Welt nicht weniger, sondern eher mehr als in früheren Zeiten benötigen, damit das Leben unter Menschen lebenswert und erfreulich sein kann.
Als abschließender Zusatz zu diesem Kapitel sei vermerkt, daß sich die Gehalte der universellen Kultur den Historisierungs-Tendenzen der modernen Zeit gegenüber als außerordentlich resistent erwiesen haben, also durch relativ hohe Konstanz und Traditionsfestigkeit zu imponieren vermögen. Im Gegensatz zu den regionalen Brauchtümern und heimatgebundenen Sitten sind sie nicht nur nicht untergegangen, sondern - tendenziell -
haben sie die gesamte zivilisierte Welt erobert. Weitergehend ließe sich sogar behaupten: Sosehr sie der aktuellen Aufmerksamkeit entgehen, sind sie doch zu einer Bedingung und Voraussetzung der modernen Welt geworden. - Grund genug für Betriebe, sich dieser Bestände zu erinnern, denke ich.
Denn: Nur soweit in den Unternehmen diese Kultur realisiert ist, und sofern von den Grundsätzen der Geschäfts-Politik bis zu den Verhaltensweisen der Mitarbeiter „kultiviertes Niveau” im jetzt präzisierten Sinne erworben wurde, ist mit Recht von einer „Kultur des Unternehmens” zu reden.
Übrigens: Werden Betriebe unter die hier empfohlene Perspektive gebracht, wird sich ergeben, daß die Tatsachen keineswegs durchgängig mit den berechtigten Erwartungen zur Deckung kommen. Mit anderen Worten: Dem Interesses an Kultur kommt eine kritische Kraft zu.
Vernünftige Identität heißt:
Mit sich selbst identisch sein.
Es ist von offenkundiger Selbstverständlichkeit, daß sich auf dem Wege einer Kultivierung des Lebens keine Identitäts-Gewinne erzielen lassen, wie sie aus der Integration in Folklore-Kulturen zu ziehen waren. Dort hieß Identität: sich unterscheiden, anders sein als die andern.
Wer sich hingegen bemüht, die „guten Eigenschaften” in sich zu bestärken, ist außerstande, sich aufgrund dessen von anderen „unterscheiden” zu wollen. Unser „Gutsein” mit anderen in Vergleich zu bringen, gilt durchwegs als pharisäerhaft.
Heißt das, die Kultur als Ethos des Menschen trage zu seiner „Identität” nichts bei?
Keineswegs. Allerdings wird es jetzt nötig, ebenso wie den Begriff der Kultur auch den der Identität entschieden anders zu denken.
Identität sei die Antwort, die wir geben, wenn wir gefragt seien, wer wir sind; hatte ich gesagt und ergänzt: die Antwort falle zumeist und zuerst so aus, daß wir unsere „Zugehörigkeiten” nennen. Also: Identität sei „Zugehörigkeits-Wissen”.
Nun aber wird ein zweiter und wichtigerer Identitäts-Begriff fällig. Denn Identität heißt auch: mit sich selbst identisch sein.
Was soll das heißen: mit sich selbst identisch sein? Sind wir das nicht soundso?
Keineswegs. Unser Leben hat mindestens zwei Seiten: eine innere und eine äußere. Und die schlichte Frage nach der Identität ist nun, ob diese zwei Seiten miteinander übereinstimmen.
Zur Erläuterung eignet sich das Beispiel des Hochstaplers, der es versteht, anders zu scheinen als er ist. Seine Devise lautet: Sich so verhalten, wie ich gesehen werden möchte.
Vor dem Hintergrund dieses Gegenbeispiels läßt sich nun leicht sagen, um was es geht, wenn von Identität die Rede ist und davon, daß das Ziel sei, „mit sich selbst identisch zu sein”.
Es heißt zunächst: Sich so geben, wie man ist. Sich als der zeigen, der man ist. Also: Sich, seine Identität, bekennen.
Dann jedoch heißt es vor allem: Sich so zeigen dürfen, sich so präsentieren können, wie man ist.
Das aber ist an eine wesentliche Bedingung geknüpft - daran nämlich, daß wir so leben und handeln und denken und reden, daß wir so sind, daß wir uns „sehen lassen” können.
Es bedeutet: Sein Leben so führen, daß es das Licht nicht scheuen muß.
Es heißt: Leben, ohne sich verbergen zu müssen.
Dann gilt: Wir sind mit uns identisch. Notabene gilt dann auch: wie sind frei.
Dies ist einer der bedeutenden Gedanken der großen deutschen Philosophie: Das berechtigt „unverborgene” Leben ist das Leben der Freiheit, und nur ein solches Leben verdient den Titel, „vernünftig” zu sein.
Solche Identität allerdings fällt nicht zu, sondern wird erworben. Und was sie uns erwerben läßt, hat einen Namen: „Kultur”.

Unternehmens-Identität

Mit einem abschließenden Wort soll erwähnt werden, wie sich die vorgeschlagene Korrektur des Kultur- und damit des Identitäts-Verständnisses für Betriebe auswirkte, die im jetzt geläuterten Sinn auf die „Kultur ihres Unternehmens” Wert legen wollten.
Sie hätten primär Sorge zu tragen, vom Äußeren bis ins Innerste so zu planen, zu arbeiten und zu entscheiden, daß sie jederzeit das Licht der Öffentlichkeit nicht zu scheuen hätten. Ihre erste Frage wäre dann nicht mehr, w i e sie sich präsentieren, sondern ob sie so sind, daß sie sich sehen lassen können.
Was sie darüber hinaus an Besonderheit und Eigenart entwickeln, wäre von zweiter Bedeutung und eine Frage kluger Ästhetik.
Die Kultur der Unternehmen ist - mit andern Worten - primär eine Frage der Ethik. Eine ebenso philosophische wie praktische Frage mithin.

Zuerst erschienen in "Der Arbeitgeber" 15/42 - 1990, S. 567-572
 




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