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George Steiner, den die FAZ kürzlich als „einen der wichtigsten Denker der westlichen Welt” vorstellte, hat ein konzentriertes, nur 77 Buchseiten umfassendes Alterswerk vorgelegt, das sich wie ein Fazit oder Vermächtnis dieses ungewöhnlich gebildeten Europäers liest: „Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe”. Durs Grünbein nannte es ein „metaphysisches Gedicht”; ich würde seine Erwägungen Meditationen nennen. – Christian Geyer schrieb: „Sie werden nach der Lektüre ein anderer sein als vor der Lektüre. Das heißt, Sie werden denken, sich nach dem Buch erst einmal einige Tage lang von Grund auf neu ordnen zu müssen.”
Ich habe dieses Dokument altersweiser Nachdenklichkeit mit dem Protest eines jungen Denkers zusammengestellt, der sich 1924, neunundzwanzigjährig, das Leben nahm, nachdem er sein Buch „Bewußtsein als Verhängnis” abgeschlossen hatte. Das war der Student Alfred Seidel.

Da, wie ich weiß, Alfred Seidel kaum jemand kennt, auf dessen "Bewußtsein als Verhängnis" ich an diesem Abend auch hingewiesen habe, hier zumindest eine kleine Leseprobe, die einen Eindruck von der Diktion dieses damals neunundzwangzigjährigen vermitteln mag:

„... der Mensch hat durch die Bändigung der Naturgewalten dämonische Kräfte entfesselt, die er nicht mehr bändigen kann und die sich gegen ihn wenden, – und zwar Kräfte in seinem Innern. Die Technik mit ihren unendlichen Möglichkeiten umstrickt seinen Geist und sein Leben mit eisernen Fesseln, stets oktroyiert sie ihm Bedürfnisse auf, die ihn mehr und mehr von seinem inneren Sein ablenken. Er, der Beherrscher der Naturkräfte, ist der Sklave seiner Produkte, der Maschinen, wie auch der Knecht seiner stets anwachsenden Bedürfnisse geworden. Die Technik hat die Dynamisierung des modernen Kapitalismus erst ermöglicht und damit die nervenzerreißende Hast des modernen Lebens gebracht.
Die Dynamik des modernen Wirtschaftslebens hat ... alle Schichten des sozialen Körpers in ihren Dienst eingespannt und auch ... den Besitzer der Produktionsmittel zum Arbeitssklaven gemacht. ... von Arbeitshast zerrieben wird ... statt Sammlung nur Zerstreuung als Erholungsausgleich ertragen.
Der Sündenfall-Mythos bewahrheitet sich immer mehr; je mehr die Menschen vom Baume der Erkenntnis essen, desto schwerer lastet der Fluch dieser Freveltat auf ihnen, im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot zu essen. Durch Vernunft und Wissenschaft und nicht durch deren Verachtung hat der Mensch sich dem Teufel ergeben.”


Und hier, als Anregung, auch einige Sätze aus Steiners "Warum Denken traurig macht", das soeben bei Suhrkamp erschienen ist (mit Dank für die Zitiererlaubnis):

„An schlechthin entscheidenden Fronten gelangen wir nicht zu befriedigenden, geschweige denn abschließenden Antworten”. Das sei der „erste Grund für die ... Schwermut des Herzens”. (15f)

„In den allermeisten Fällen ... ist das gewöhnliche Denken ein ungeordnetes, dilettantisches Unterfangen. Ein zweiter Grund für die ›unzerstörliche Melancholie‹.” (21)

Der 3. Grund für die Traurigkeit: Wenn auch unser Denken das Intimste und Innerste ist, so ist es doch zugleich gewöhnlich, abgenutzt, repetitiv. Kaum einer hatte wirklich einen „originellen” Gedanken. „Mit dem ihm eigenen Sinn für Staunen und Ehrfurcht gestand Einstein, daß er in seinem ganzen Leben nur zwei authentische Ideen gehabt habe.” (28)

Auch „objektiv” – so der 4. Essay – erreichen wir „die Wahrheit” nicht. „Zu denken heißt das Ziel verfehlen, heißt ›danebenliegen‹. Im besten Falle erzeugt Denken das, was Wallace Stevens als »erhabenste Fiktionen« bezeichnet.” (35)
„Menschliche Wesen könnten ohne das, was Ibsen »Lebenslügen« nennt, nicht überdauern. Ein auf logische, bevorzugt nonverbale Aussagen oder auf beweisbare Tatsachen beschränktes Denken käme dem Wahnsinn gleich.” (35f)

Daß nahezu alles Gedachte im dunklen Orkus des spurlosen Vergessens verschwindet, sei die „fünfte Ursache für Frustration, für den ›dunklen Grund‹”, von dem Schelling gesprochen hat: „Die eisberghafte Masse menschlichen Denkens verschwindet unbemerkt, unvermerkt im Kehricht des Vergessens. ›Almosen fürs Vergessen.‹ ... Der Verlust ist maßlos.” (44, 41, 43)

Die „Automatismen”, die Routinen, „verblaßte Gedanken”, funktionieren, (45f) aber das ehrgeizige Denken, das Vollkommenheit sucht, scheitert. Das habe Wittgenstein dazu gebracht zu sagen, der zweite Teil des Tractatus, der ungeschrieben blieb, sei - der eigentlich bedeutsame. (49) So arbeite das Denken mit an den unausbleiblichen Enttäuschungen, die schließlich den „grauen Klumpen Ekel im Herzen des Daseins” bilden. (50) - Die „sechste Ursache oder Quelle der tristitia”. (51)-

Was immer wir denken mögen: „Verunreinigungen und Verzerrungen” trüben die Resultate. „Das ist die Crux: Zwischen uns und der Welt gibt es Zwischenglieder.” (54f) „Die Vertreibung aus dem Paradies ist ein ›Fall ins Denken‹.” (55) Kein Element der Existenz, das nicht „angekränkelt wäre vom bleichen Schein des Gedankens”. (55) „Selbst der erfinderischste, umfassendste, geordnetste und mit Vorstellungskraft begabteste Geist [operiert] innerhalb von Grenzen, die er nicht wahrhaft definieren, geschweige denn ausmessen kann. Überall stößt der Lichtstrahl der Vernunft auf Dunkelheit.” (56) „Innen- und Außenwelt murmeln Worte, die wir nicht verstehen”. (57) Ergo: „Das Denken verhüllt mehr, wahrscheinlich weitaus mehr, als es enthüllt. Ein siebter Grund für jenen Schleier der Schwermut.” (58)

„Unmöglich, zweifelsfrei zu wissen, was ein anderes menschliches Wesen denkt. ... Dieser Ungeheuerlichkeit widmen wir zu wenig Aufmerksamkeit, sie sollte uns schaudern lassen.” (59) „Wir versuchen uns gegenseitig zu übersetzen.” Doch: „Noch die einander nächststehenden, aufrichtigsten Menschen bleiben Fremde füreinander”. (61) „Letztlich kann Denken uns zu Fremden füreinander machen. ... Ein achter Grund für Betrübnis.” (62)

„Die Fähigkeit, Gedanken zu denken, die es wert sind, gedacht zu werden - ganz zu schweigen von jenen, die es wert sind, ausgesprochen und festgehalten zu werden -, ist relativ selten.” (65)

Die Gottesfrage scheine der menschlichen Gattung vorbehalten. Wir dürften uns definieren als „die Geschöpfe, die imstande sind, die Existenz Gottes zu leugnen oder zu bejahen.” Und? Wenn auch das „partielle Verschwinden dieser Thematik aus der öffentlichen und privaten Sphäre in den entwickelten Technokratien des Westens, ein Phänomen, das im zornigen Anbranden des Fundamentalismus seinen Gegner hat, unsere gegenwärtige politische und ideologische Situation durchzieht”, so sei doch nicht auszumachen, was aus dem Menschen würde, wenn er vollends diese Fragen loszuwerden in der Lage wäre. (73)


George Steiner, 1929 in Paris geboren, lehrte vergleichende Literaturgeschichte in Genf und Cambridge, seit 1994 Komparatistik an der Universität Oxford. Veröffentlichungen u.a.: "Von realer Gegenwart" und "Grammatik der Schöpfung".

 




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