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Gerd B. Achenbach: Eine Philosophie der Menschenkenner



Zu den „französischen Moralisten”



Der Inhalt in Übersicht:

Inwiefern der Begriff „Moralisten” nichts oder wenig mit dem zu tun hat, was wir heute „Moralismus” nennen.

Etwas zur Geschichte: Strittig, wer dazu gehört. Jedenfalls zieht sich die Spur der Moralisten von Montaigne (1533 - 1592) über Pascal (1623 - 1662), Gracian (1601 - 1658) und den Herzog von La Rochefoucauld (1613 - 1680) bis zu Namen, die dem 19. Jahrhundert angehören: beispielsweise Joseph Joubert (1754 - 1824) und Jouffroy (1796 - 18442). Es handelt sich also keineswegs um eine homogene Gruppe ...

Wer waren diese Philosophen? Männer, die über das „Wesen des Menschen” nachgedacht, sich als Menschenkenner verstanden haben (und als solche angesehen wurden) und Fragen der Lebensführung thematisierten – weshalb wir sie zu den Vorläufern der Philosophischen Praxis rechnen.

Moralisten hießen sie in dem Sinne, daß sie die „Sitten”, die mores, beobachteten und beschrieben, und weil sie den Menschen am Leitfaden der Tugenden und Laster beurteilten, so daß wir sie auch „Kritiker des Menschen” nennen könnten. Eine „Kritik des Menschen” war in etwa ihr Programm.

Der letzte bedeutende Nachfahr von ihnen in Deutschland war wohl Wilhelm Busch, der bekanntlich eine „Kritik des Herzens” verfaßte. Als Exempel hier sein Lob der Selbstkritik, das von den französischen Moralisten sein könnte, wenn sie auch nicht gereimt haben ...:

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich:
So hab ich erstens den Gewinn,
Daß ich so hübsch bescheiden bin;
Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;
Und viertens hoff ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Daß ich ein ganz famoses Haus.


Das ließe sich mit der Sentenz von La Rochefoucauld kommentieren, wonach unsere Tugenden zumeist nur verkappte Laster seien.

Hier wie dort: Beschäftigung mit dem menschlichen Scheinwesen. Das Programm: Sagen, „wie es ist”.

nwiefern und unter welchen Umständen kann ein solches Programm reizvoll sein?

Dann, wenn angenommen werden muß, daß die eigentlichen und wirklichen Verhältnisse verborgen oder verschleiert werden.
Man könnte sagen: Die Entdeckung war, daß die Menschen zum Vorteil ihres Ansehens vieles nicht sehen wollen.

Es folgt einiges Grundsätzliches zur Kritik, die immer eine Differenz voraussetzt: Zum Beispiel habe ich eine Vorstellung davon, wie eine Sache oder eine Person sein soll, und nun schaue ich nach, ob sie so auch ist.

Und was ist, wenn die auf solche Weise kritisierte Person erklärt, jenes sogenannte Sollen interessiere sie nicht?

Die Moralisten unterstellten diese Differenz, die vorliegt, wenn Menschen sich so, wie sie sind, nicht sehen lassen mögen, sich verleugnen. Das ist die Voraussetzung, Verborgenes, Verheimlichtes, Verdrängtes "aufzudecken", was die Moralisten durch Nennung dessen, was ist, taten.

La Rochefoucauld in seiner „Nachricht an den Leser”: Seine Leser werden, meinte er, seine Porträts des menschlichen Herzens nicht goutieren, „denn man wird finden, daß [sie] allzu ähnlich [sind] und nicht genug schmeicheln”. (Französische Moralisten I, 45) Sehr psychologisch bereits: Die Menschen hinderten nach Kräften die andern, ihnen auf den Grund ihres Herzens zu schauen, „weil sie sich selber nicht erkennen wollen”. (45) Für den Wahrheitsgehalt seiner Beschreibungen bürgt ihm „der Eifer und der Scharfsinn, den man aufwenden wird, sie zu bekämpfen”. (46)

Sofern die Aufklärung die Attitüde der Aufdeckung und Entzauberung pflegte, sind die französischen Moralisten die ersten, frühen Aufklärer. Dafür steht La Rochefoucauld.

„Was wir Böses tun, zieht uns nicht so viel Verfolgung und Haß zu wie unsere Vorzüge.” (49)

Da ist bereits die Bedeutung des Ressentiments erkannt, die später von Nietzsche betont wurde.

Nachdenkenswert die lakonische Beobachtung:

„Jedermann klagt über sein Gedächtnis, niemand über seinen Verstand.” (55)

Und wieder wie ein zu früh gekommener Wilhelm Busch:

„Greise geben gern gute Lehren, um sich zu trösten, daß sie nicht mehr imstande sind, schlechte Beispiele zu geben.” (55)

Bei Busch heißt es unter der Überschrift "Reue":

Die Tugend will nicht immer passen,
Im ganzen läßt sie etwas kalt,
Und daß man eine unterlassen,
Vergißt man bald.

Doch schmerzlich denkt manch alter Knaster,
Der von vergangnen Zeiten träumt,
An die Gelegenheit zum Laster,
Die er versäumt.


Vieles ist unvergangen, was sich nicht zuletzt daran sehen läßt, daß sich Eindrücke, die La Rochefoucauld sammelte, auch noch von Nietzsche (beispielsweise) ausgesprochen finden. Ein Beispiel:

„Die Natur, die die Organe unseres Körpers zu unserm Glück so weise eingerichtet hat, hat uns auch den Stolz mitgegeben, um uns das schmerzliche Bewußtsein unserer Unvollkommenheit zu ersparen.” (La Rochefoucauld, 50)

Und Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse”:

Nr. 68 „»Das habe ich getan«, sagt mein Gedächtnis. »Das kann ich nicht getan haben« – sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.”

Gibt es womöglich einen notwendigen Schein, ohne den wir in der Welt nicht reüssieren?

„Um es in der Welt zu etwas zu bringen, tut man, als habe man es zu etwas gebracht.” (51)

Die Erfahrung wird herangezogen, die geeignet ist, einen Strich durch unsere Rechnungen zu machen – etwa unser Klagen zu relativieren ...

„Kein Zufall ist so unglücklich, als daß kluge Leute nicht Vorteil daraus zögen, und keiner so glücklich, als daß unüberlegte ihn nicht zu ihrem Nachteil wenden könnten.” (52)

Was die französischen Moralisten ausmacht: Hier tritt das Individuum im emphatischen Sinne auf. Und was ist die Folge? Die Individualität entdeckt sogleich ihre Bedingtheiten und Abhängigkeiten: „Autonomie-Skepsis”. Entdeckt werden unsere Unfreiheiten, die mit dem modernen Wunsch nach Selbstbestimmung kollidieren. („Immer hält das Herz den Verstand zum besten.” 55) So wird eine nüchterne, illusionslose Menschensicht möglich.

„Sollte es Menschen geben, an denen das Lächerliche niemals hervorgetreten ist, so hat man nicht genug nachgeforscht.” (74)

Erinnert uns das nicht an die gegenwärtige Redensart, wonach jemand, der sich für gesund halte, nur noch nicht gründlich genug diagnostiziert sei?

Was die „Menschenkenner” ausmacht. Ein erstes Beispiel solcher Menschenkennerschaft:

„Wir könnten eher die lieben, welche uns hassen, als die uns mehr lieben, als wir wollen.” (75)

Und dahin gehört auch die Sentenz, die – um Appetit zu erregen – auf das Programm gedruckt war.

„Wir gestehen kleine Fehler nur ein, um glauben zu machen, wir hätten keine großen.” (75)
(In den „unterdrückten Maximen” heißt es ähnlich: „Wir gestehen unsere Fehler nur aus Eitelkeit ein.” S. 101)

Was ist das? Nicht eine Umwertung der Werte? Werden da nicht altüberlieferte Wertschätzungen irritiert? So etwa die Hochschätzung der Feindesliebe?

Den praktischen Philosophen interessieren natürlich Einsichten wie die folgende:

„Trennung vermindert mittlere Leidenschaften und steigert große, wie der Wind Lichter ausbläst und Flammen anfacht.” (71)

Doch vor allem muß ich nennen, was zur Grundlage der Philosophischen Praxis wurde. So der Aphorismus:

„Es ist leichter, die Menschen, als einen einzigen Menschen kennenzulernen.” (83)

Für die Philosophische Praxis maßgeblich wurde:

„Einer der Gründe, warum man so selten Leute trifft, die im Gespräch verständig und angenehm erscheinen, ist der, daß es fast niemanden gibt, der nicht mehr an das dächte, was er sagen will, als daran, auf das, was man ihm sagt, treffend zu antworten. Die Feinsten und Gescheitesten begnügen sich mit der Miene der Aufmerksamkeit, während man ihren Augen ansieht, wie sich ihr Geist von dem, was man sagt, entfernt und ungeduldig dem zuwendet, was sie sagen wollen. Man vergißt, daß es ein schlechtes Mittel ist, andern zu gefallen und sie zu gewinnen, wenn man sich selbst so eifrig zu gefallen sucht, und daß die Kunst, gut zuzuhören und treffend zu antworten, die allerhöchste ist, die man im Gespräch zeigen kann.” (58)

Im Vortrag selbst wurden etliche Aphorismen von Nicolas Chamfort, (1741-1794), zitiert, dem illegitimen Sohn eines Domherren und einer hochadeligen Dame (die das Kind einer Krämerfamilie überläßt, also verleugnet). Zehnjährig erfährt er von seinen leiblichen Eltern und seiner Verstoßung. Was erwähnenswert ist, weil man daraus schließen kann, daß er seine despektierlichen Ansichten zur Ehe nicht im Elternhaus gewonnen haben kann. Beispiel:

„In der Ehe muß man einander lieben, um glücklich zu sein, oder wenigstens zueinander passende Fehler haben”. (316)

Geistreiche Philosophie der Salons.

„Die Ehe kommt nach der Liebe wie der Rauch nach der Flamme.” (316)

Oder:

„Das vernünftigste und maßvollste Wort in der Streitfrage Ehe oder Zölibat lautet: ›So oder so, du wirst es bereuen.‹ Fontenelle bereute in seinen letzten Lebensjahren, daß er ledig geblieben sei. Er vergaß fünfundneunzig sorgenfreie Jahre.” (316)

Für uns heute ungewohnt: Der lange Abschnitt „Über Frauen, Liebe, Ehe und Galanterie” (311ff)

Der Salon übrigens ist Gegengesellschaft. Und darin liegt ein besonderer Reiz zumal Chamforts. Er verwaltet die Widerworte. Etwa so:

„Man kann wetten, daß jede öffentliche Meinung, jede allgemeine Konvention eine Dummheit ist, denn sie hat der großen Menge gefallen.” (279)

Man bemerkt, Chamfort ist der Gnadenloseste unter den französischen Moralisten.

„Wer mit vierzig Jahren kein Menschenfeind ist, hat die Menschen nie geliebt.”

So einer der Aperçus aus Chamforts Feder. Die Kritik des Menschen wird fortgesetzt, radikalisiert. Man könnte denken, so wie ehedem dem Menschen eingeschärft wurde, daß er ein heilloser Sünder sei, so entwickelt sich jetzt eine Art Ekel am normalen Menschen auf eigene Faust. Die Abscheu wird zur Geschmacksfrage. Beispiel:

„Wer Philosoph werden will, darf sich nicht von den ersten traurigen Entdeckungen abschrecken lassen, die man bei der Erkenntnis der Menschen macht. Will man sie erkennen, so muß man den Ärger überwinden, den sie erregen. Auch der Anatom überwindet ja die Natur, seine Reizbarkeit und seinen Ekel, um in seiner Kunst geschickt zu werden.” (273f)

Das Schöne an manchen Aphorismen ist: Von ihnen geht die Nötigung zum Denken aus. Sie stoßen einen Gedanken nur an, ohne ihn uns vorzukauen. Das haben sie dann mit klugen und gut komponierten Witzen gemeinsam. Beispiel:

„Herr * * * trug oft, wenn man von der Liebe sprach, freigeistige Ansichten vor. Dabei war er im Grunde ein feinfühliger, leidenschaftlicher Mensch. Daher sagte jemand von ihm: ›Er tut so unanständig, um bei den Frauen Glück zu haben.‹” (355)

Und die Kunst der anekdotischen Kurz-Charakterisierung ist entwickelt. Vielleicht nirgends so perfekt zu studieren wie in der folgenden Jean-Jacques Rousseau Anekdote, die Chamfort erzählt.

„Man sagte zu J.-J. Rousseau, der mehrere Schachpartien gegen den Prinzen von Conti gewonnen hatte, daß er ihm nicht den Hof gemacht und ihn einige gewinnen lassen müßte. ›Wieso?‹, sagte er, ›ich gebe ihm doch den Turm vor.‹” (441) Siehe ergänzend dazu die andere Anekdote S. 366!

Das generelle Problem aller Aphorismen: Man muß achtgeben, daß man sich von ihnen nicht täuschen läßt. Nicht wenige beherrschen die Kunst, uns zu überrumpeln, d. h. auch: unseren kritischen Verstand auszuschalten. Daher kommt die Bemerkung Chamforts recht, der meint:

„Es gibt gut eingekleidete Dummheiten, wie es sehr gut angezogene Dummköpfe gibt.” (268)

Es erstaunt natürlich nicht, daß Rivarol (1753 - 1801), also Zeuge der Französischen Revolution, in ganz anderem Maße politische Aphorismen schrieb. Er ist der erste wirklich hoch intelligente Kritiker der Revolution (und reklamiert dies auch: 136f). Ihn könnte man dem Büchner von „Dantons Tod” zur Seite stellen. So diese lakonische Notiz:

„Ein großes Volk im Aufruhr kann nichts als Hinrichtungen vollziehen.” (135)

Während also die Demagogen gerade das Volk anhimmelten, wußte dieser eine bereits Bescheid:

„Der absolute Herrscher kann Nero sein, ist aber manchmal Titus oder Marc Aurel; das Volk ist oft Nero und niemals Marc Aurel.” (134)

Oder:

„Die Franzosen müde, sich selbst zu regieren, fingen an, sich zu zerfleischen und müde, sich im Innern zu zerfleischen, nahmen sie das Joch Napoleons auf sich, der sie auf dem Schlachtfeld sich massakrieren ließ.” (142)

Hier könnte sich gut ein Aphorismus von Jouffroy anschließen, der die Reihe der französischen Moralisten abschließt:

„Wer eine Revolution kennt, kennt sie alle, aber wohin die Serie dieser Revolutionen führt, das weiß man nicht.” (344)

Zuletzt wurden einige wenige Aphorismen angefügt, die zumal der philosophische Praktiker zu schätzen weiß... Sie stammen von Joseph Joubert (1754 - 1824).

„In der Musik des Gesprächs dient die Aufmerksamkeit des Hörers als Begleitung.” (220)

„Man muß im Kopf immer ein Eckchen offen halten, um den Meinungen der Freunde Einlaß zu gewähren und sie vorübergehend zu beherbergen. Es ist wirklich unerträglich, sich mit Menschen zu unterhalten, deren Gehirn kein leeres Fach mehr aufweist, so daß nichts von außen eindringen kann. Unser Herz und Geist sollen gastfreundlich sein.” (220)

Und zuletzt, kurz und bündig:

„Zweck des Disputs oder der Diskussion soll nicht der Sieg, sondern der Gewinn sein.” (218)

Den wirklichen Schluß machte der Aphorismus Jouberts, den ich schon oft in Versuchung war, zum Motto eines ganzen Buches zu wählen:

„Der Verstand paßt sich der Welt an; Weisheit sucht Einklang im Himmel.”
(Joubert, in: Fr. Moralisten II, 246)

 




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