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„Thymos”



Zur späten Karriere eines griechischen Begriffs




Die Ankündigung des Abends:

Wer in einschlägigen Wörterbüchern und Lexika nachschlägt, erfährt zu diesem Begriff nur, was er bei Homer, bei Platon, Aristoteles und anderen Griechen bedeutete.
Doch dann tauchte er plötzlich bei Fukuyama auf, in dessen großartigen Entwurf „Das Ende der Geschichte”. Später nahm Peter Sloterdijk den Staffel auf in „Zorn und Zeit”.
Uns interessiert der „Thymos” als das Organ, das empfindlich ist für Anerkennungsverhältnisse: mit ihm wird eine neue Art „vermenschlichter” Psychologie möglich. Entsprechend spielt er in der Philosophischen Praxis eine bedeutende Rolle.

Hier füge ich zur Ergänzung des Vortrags noch einige Notizen ein, die ich mir bei der Lektüre des einschlägigen Klassikers, nämlich Bruno Snells "Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen" gemacht hatte. Sowohl Fukuyama als auch Sloterdijk haben sich selbstverständlich bei Snell bedient. Die Kürze des Abends hat es mir aber nicht erlaubt, darauf einzugehen.


Also ...

Von Psyché wisse Homer nicht viel. Es komme vom Verb hauchen, es ist dabei an den Lebensodem gedacht – wie es dann in der Bibel heißt –, der „ausgehaucht” wird. (23) Es kommen darum Wendung bei ihm vor wie: „solange noch der Lebensodem im Menschen bleibt ...” Eben, wenn der gewichen ist, ist es vorbei. Ich zitiere:
Es bleiben als Bezeichnungen des Geistes bei Homer Thymós und Nóos. Thymós ist bei Homer das, was die Regungen verursacht, und Nóos das, was die Vorstellungen bringt: auf diese zwei verschiedenen geistig-seelischen Organe ist das Geistig-Seelische gewissermaßen verteilt.
Mit schönster Forscher-Umständlichkeit klärt Snell die Bedeutung des Wortes, indem er Stellen zusammensucht, da Thymós „aus den Knochen” oder „aus den Gliedern” fährt, da einer stirbt. Und kommt schließlich zum Schluß, daß Thymós offenbar eine niedere Seele (mein Wort) für Homer gewesen sein muß: So gebe es nämlich Stellen, wo Thymós die Totenseele ist, und wo es heißt, daß der Thymós beim Tode davonflog, aber da handelt es sich jedesmal um den Tod eines Tieres – eines Pferdes, eines Hirsches, eines Ebers und einer Taube. Diese Vorstellung ist zweifellos abgeleitet: Beim Menschen fliegt die Psyché fort, – aber einem Tier mochte man offenbar keine Psyché zuschreiben: so wurde für sie ein Thymós erfunden, der sie im Tod verläßt. (26)
Ergo: Psyché und Thymós seien präzise von einander zu unterscheiden. Schwieriger hingegen sei dies schon im Blick auf Thymós und Nóos.
Wenn ... Thymós das geistig-seelische Organ ist, das Regungen verursacht, Nóos dagegen dasjenige, das Vorstellungen aufnimmt, so umfaßt Nóos im allgemeinen mehr das Intellektuelle, Thymós mehr das Emotionale. ... Freude ist im allgemeinen im Thymós lokalisiert. Und es sei der Thymós, der den Menschen in Tätigkeit setzt. ... Ist der Thymós ... Sitz von Freude, Gefallen, Liebe, Mitleid, Zorn usw., könne dennoch gelegentlich ein Wissen im Thymós lokalisiert werden. (27) Dann heiße es sinngemäß etwa: er wußte instinktiv.
Nóos hingegen gehöre zu noein, was einsehen, auch durchschauen bedeute und sich vorzugsweise auf klare Vorstellungen beziehe.
Wenn nun Thymós eines der drei Teile der Seele sei, so nicht etwa im platonischen Sinn, der nämlich bereits den Gedanken einer einzigen Seele voraussetzt. Hier bei Homer hätten wir es hingegen noch mit drei Organen (gewissermaßen) zu tun, und da stehe Thymós noch am ehesten nahe bei Wille und Charakter. (28)
Ein interessanter Gedanke wird eingefügt, ohne daß meines Erachtens Snell viel daraus macht: Es gab also zunächst keinen einheitlichen, verbindenden Begriff für Seele, ebenso nicht für den Leib. Und? Was sich dann als leitender Begriff herauskristallisierte, waren die beiden jeweiligen Begriffe, die den Toten bezeichneten: die Psyché als die Totenseele, das Soma als die Leiche. Da ist etwas vorgebildet: Der Leib das Verwesliche, die Seele das Unsterbliche ... (vgl. 31) Da also haben wir unser „Leib und Seele” her ...
Was Snell nun weiter zeigt, was nämlich Heraklit bereits habe sagen und denken können, was aber Homer noch völlig unverständlich gewesen wäre, ist sehr interessant. Für Heraklit – was in der Lyrik vorbereitet worden sei – sei die Seele inzwischen etwas entschieden anderes gewesen als der Leib, und das zeige sich am besten daran, daß ihr mit dem Logos zugleich so etwas wie „Tiefe” zugesprochen werden könne. Homer aber habe die Seele noch gedacht wie die Organe; und ist es sinnvoll, von einer „tiefen Hand” oder einem „tiefen Ohr” zu sprechen? (32) Mit dem Bild der Tiefendimension sei erstmals das Spezifische, das Besondere der Seele gefunden. Der Seele wird die Unendlichkeit zugeordnet, die sie bei Homer ebenfalls noch nicht hatte.
Sehr bildreich: Homer könne beispielsweise noch nicht die Tiefe eines Schmerzes ausdrücken, er spreche statt dessen davon, daß einer „tausendfaches Leid” zu bestehen habe, oder er sagt, der Schmerz „zerreiße” oder „zerfresse” den Thymós, woran man sogleich sieht: Thymós wird in Analogie zu einem körperlichen Organ begriffen. Bei Homer habe sich die Vorstellung vom Seelischen noch nicht vom Körperlich-Organischen getrennt.
Darum auch gebe es beim Menschen Homers noch keinen inneren Zwiespalt, wie es den ja auch nicht als Zwiespalt des Auges oder der Hand gebe. Es gebe entsprechend bei Homer auch keine geteilten Empfindungen, sondern erst Sappho spreche vom bittersüßen Eros. (33)
Und noch etwas, was später Karriere machte – es geht in Snells Buch ja immerhin um die Entdeckung des Geistes! –, habe mangels eines Begriffs von Logos Homer nicht denken können: nämlich das mehrere in einem verbunden sind, etwa mehrere einen Geistes. Schließlich haben zwei Menschen ja auch nicht etwa „ein Auge”.
Und noch etwas ist neu bei Heraklit: Die Seele kann bei ihm aus sich heraus sich entwickeln und erweitern. Das sei Homer ebenfalls noch nicht zu denken möglich. Beispiel: Wir sagen etwa, jemand „reiße sich zusammen”, er „konzentriert sich” usw. Homer müsse in solchen Fällen noch schildern, wie ein Gott sich des Menschen annimmt, ihm die Kraft gibt usw. Es gab für Homer noch keine Vorstellung von einem Mittelpunkt, von dem aus das Ganze (des Leibes beispielsweise) beherrscht wird. Sondern in allem steht der Mensch vielerlei Mächten offen. (35)
Die homerischen Menschen, die noch nicht zu dem Bewußtsein erwacht sind, in der eigenen Seele den Ursprungsort eigener Kräfte zu besitzen, [erhalten] die Kräfte als sehr natürliche Geschenke der Götter. Dabei ist der Fortschritt, den die Helden Homers repräsentieren, der, daß sie sich nicht mehr wüsten Kräften ausgesetzt fühlen, sondern ihren olympischen Göttern, und diese sind eine wohlgegliederte und sinnvolle Welt. (36)

(Dies alles blieb also unerwähnt. Der Vortrag hat sich dann auf Gedanken zu Fukuyama, Kojève und Sloterdijk beschränkt.)


 




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