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Das „Philosophisch-literarische Neujahrs-Wochenende”


Daniel Kehlmann 2017 auf der Frankfurter Buchmesse *
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Daniel Kehlmann 2017 auf der Frankfurter Buchmesse *


Daniel Kehlmann ‒
      Entzauberer der Moderne, Entführer,
      Geschichtsansiedler

Von Freitagabend, den 7. Januar, bis Sonntagmittag, den 9. Jan. 2022


Seit vielen Jahren nun schon ‒ inzwischen verdient die Einrichtung den Ehrentitel einer Tradition ‒ veranstalte ich für die Gesellschaft für Philosophische Praxis GPP am ersten oder zweiten Wochenende des Neuen Jahres das „Philosophisch-literarische Neujahrs-Wochenende”, das jeweils einem Gegenwartsautor gewidmet ist, der nicht nur als Schriftsteller, sondern ebenso als Essayist beziehungsweise „Denker” anerkennende Aufmerksamkeit verdient.
Diesem Profil entsprachen in den Jahren zuvor: Botho Strauß (2015), Bernhard Schlink (2016), Navid Kermani (2017), Martin Mosebach (2018), Martin Walser (2019) und zuletzt Michel Houellebecq (2020). Im vergangenen Jahr mußte die geplante Veranstaltung zu Peter Handke ‒ maßnahmenbedingt ‒ ausfallen.
Zum Auftakt des kommenden Jahres werden wir ‒ im Stile nachdenklicher Würdigung, das heißt in philosophischer Lesart ‒ den jungen Meisterfabulanten und tapfer-unfügsamen Denker Daniel Kehlmann kennenlernen, wobei im Zentrum unseres Interesses sein neuester Roman, dieses Ungetüm literarisch-phantastischer Auswanderei in eine für die meisten und vielen längst vergessene Frühe stehen wird: „Tyll”.

Jene Welt aber, in die uns Kehlmann so virtuos wie hintersinnig entführt, die Simplicissimus- und Tyl-Ulenspiegel-Welt (den aberwitzigen Narren des Volksbuchs versetzt Kehlmann eigenmächtig um kleine zwei Jahrhunderte...) ist die Zeit der großen Sint- und Sündflut, der langen Jahrzehnte des „Dreißigjährigen Krieges”.

Möchte man da nicht fragen: Was hat dieser Mensch dort zu suchen?

Einige meinten, Kehlmann, der „Vergegenwärtigungskünstler”, indem er dieses finstere, zugleich aber schrill- bunte Zeitalter heraufbeschwöre, diese „Welt der totalen Unsicherheit, der großen Gereiztheit, eine Welt, in der jeder alles glaubt und niemand etwas wirklich weiß, in der man nirgendwo auf festem Grund geht”, habe insgeheim uns und unsere Welt im Auge (womöglich so, wie einem etwas „ein Dorn im Auge” ist ...?) So jedenfalls äußerte sich Volker Weidermann (im SPIEGEL):

Obwohl ‒ oder vielleicht auch weil ‒ dem Erzähler Daniel Kehlmann nichts fernerliegt, als forcierte Gegenwartsparallelen in seinen historischen Roman hineinzuschreiben, drängen sie sich dem Leser von heute natürlich umso heftiger auf.

In der Tat: Wer beispielsweise jene Rede Kehlmanns zur Kenntnis genommen hat, die er 2009 zur Eröffnung der Salzburger Festspiele hielt ‒ sie machte Skandal als öffentliche geistige Züchtigung der zeitgenössischen Regieherrlichkeit ‒, der hat verstanden, wie Kehlmann von den verehrten Zeitgenossen denkt, die sich als Kulturbeauftragte aufführen, in Wahrheit aber verramschen, was immer ihnen in die unwürdigen, da selbstgefälligen Hände gerät. Der Titel der Rede: „Wo heute Lärm ist, war einst Magie”. Die Zeile ließe sich als Kurzformel zur Beschreibung des modernitätsbeflissenen Geschehens auf deutschen Brettern verwenden, und die „bedeuten” nicht nur, die sind unsere Welt im grelleren Licht der Bühnenscheinwerfer. Ein Satz aus jener Rede (die wir uns ebenfalls ansehen werden):

Als vor vier Jahren der Satiriker Joachim Lottmann ... einen spöttischen Artikel über deutsche Regiegebräuche veröffentlichte, ging eine Empörungswelle durch die Redaktionen, als schriebe man das Jahr 1910 und einer hätte Kaiser Wilhelm gekränkt.

Merke: Die Gesinnungswächter und Streiter fürs korrekt Gebotene waren damals schon zur Stelle. Und da die gereizte Stimmung seither eher noch zugenommen hat, dürfen wir folgern: Der Geist der Inquisition ist zurück. Jener Geist ‒ genauer: Ungeist ‒, den Thomas Mann in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen” mit der ihm eigenen Treffsicherheit die „Scheiterhaufen-Unduldsamkeit” nannte. Denn (nochmals Th. Mann): „Der gotische Mensch” kehrt zurück, „der Mensch der neuen Intoleranz, der neuen Antihumanität des Geistes, der neuen Geschlossenheit und Entschlossenheit, des Glaubens an den Glauben; er ist der nicht mehr bürgerliche, der fanatische Mensch.” Ich füge an: Willkommen in der Welt des Tyll ...
Wir werden Daniel Kehlmann allerdings auch zuhören, wenn er seinerseits einem anderen Zeitgenossen auf dessen modernitätsentronnenen Wegen folgt, und zwar Peter Sloterdijk, dem er zustimmt, wenn er sich ‒ wie zum Spott auf den geistentlaufenen Gesinnungsfuror der „intellektuellen” Mitläuferschar ‒ Gedanken gestattet darüber, wie die Menschen „den Himmel zum Sprechen” brachten.

             ***

Erstmals allerdings werden wir für unser „Philosophisch-literarisches Neujahrswochenende” nicht in die Eifel fahren, sondern das erste verlängerte Wochenende des Jahres bei uns daheim und in den Räumen der GPP veranstalten, wo es uns ebenso gut ergehen soll: Wir werden versorgt und „bekocht” werden, wir werden es uns in den Pausen und abends miteinander gemütlich machen, plaudern und, wenn es sein muß: debattieren.
Und am Samstag gibt es am Abend eine Überraschung, die uns noch einmal in jene Welt der religiösen Unduldsamkeit und der wild-esoterischen Spekulationen versetzt.

Zum Programm und zum Ablauf:

Anreise am Freitag, den 7. Januar 2022 abends, so daß wir gemeinsam um 18:00 Uhr zu Abend essen können. Ein kaltes Büfett wird für alle vorbereitet sein, und jeder bedient sich davon selbst.
Danach, gegen 20:00 Uhr, ergibt sich die vorzügliche Gelegenheit, gemeinsam ein Gespräch anzusehen, das im Schweizerischen Fernsehen in der noblen Reihe „Sternstunden Philosophie” mit Daniel Kehlmann zu dessen Buch „Tyll”  [1] geführt wurde und unwiderleglich die „Philosophienähe” dieses Autors demonstriert. Im Verlauf des knapp einstündigen, höchst konzentrierten Gesprächs bezieht sich Kehlmann (u. a.) auf Kant, auf Schopenhauers „Philosophie des Humors”, Voltaire, Schiller, C. G. Jung, Sir Karl Popper, Carlo Ginzburg (dessen Buch „Der Käse und die Würmer ‒ Die Welt eines Müllers um 1600” er viele Anregungen verdankt!), Herfried Münkler, Slavoj Žižek und seinen Freund Jonathan Franzen; er spricht von der Rolle des Narren und über den Teufel, über „Drakontologie” und alternative Medizin, über den „Mehrwert an Wahnsinn”, die einer legendären Gestalt wie Tyll zugute zu halten sei, über die „Erschütterung der Vernunft” durch Ereignisse wie jenen 30-jährigen Krieg und die unterirdische Fortdauer seiner Schrecknisse, ihr Überdauern in „tieferen Erinnerungsschichten”. Kehlmann: „Die Vergangenheit ist nicht vorbei.”
Die eigentliche „Arbeit” ‒ also am Roman, an „Tyll”, der freilich stets gegenwärtig ist! ‒ beginnt dann am Samstag um 10:00 Uhr, unterbrochen von einer Kaffeepause. Nach dem Mittagessen (es wird für uns gekocht!), einer anschließenden Ruhepause und Kaffee gegen 15:00 Uhr geht es bis zum Abend im Seminar weiter.
Nach dem Abendessen gibt es eine Abend-Überraschung ‒ eine gesprächsanregende Ergänzung zu Kehlmanns Roman, wie wir sehen werden ...
Der Sonntagvormittag soll vor allem der Vorstellung einiger seiner Vorträge und verstreuter Gedanken zur Literatur und sonstigen zeitfälligen Problemen gewidmet sein.




Literaturempfehlungen:
Der unsichtbare Drache. Ein Gespräch mit Daniel Kehlmann und Heinrich Detering, Kampa-Verlag, Zürich 2019.
Daniel Kehlmann, Lob. Über Literatur. Rowohlt-Taschenbuch, Hamburg 2011.
Der Roman „Tyll” ist preiswert als Rowohlt-Tb. erhältlich. (12 €)

Es gelten die Corona-Sicherheitsvorkehrungen.

Zuletzt zum „Technischen” und alles weitere hier [2].

* Quelle des Bildes:
Von Heike Huslage-Koch - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=63365303.

 


Link-Referenzen:
[1] https://www.youtube.com/watch
[2] https://www.g-pp.de/detail/neujahr_2022_org.asp