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Augustinus


Die nächste Station auf unserer Studienkurs-Strecke steht bevor: diesmal vielleicht der seltsamste, eigenwilligste, oft zerrissenste, aufgewühlteste, manchmal zu wunderlich überheller Klarheit durchbrechende, nahezu immer in Extreme ausschlagende Charakter unter den Denkern, die uns beschäftigen werden ‒ Augustinus aus Tagaste [heute: Souk Ahras] in der nubischen Bergregion Nordafrikas, wo er im Nov. 354 geboren wurde. Wenn von eine epochemachenden „Wende” des Denkens und Empfindens in der abendländischen Geschichte gesprochen werden kann, dann im Blick auf diesen späteren Bischof von Hippo, der westlich von Karthago gelegenen Küstenstadt am Ufer des Mittelländischen Meeres.

Die Bedeutung dieses beispiellosen Menschen wird mithin weit unterschätzt, wenn wir ihn „nur” als den einen der vier großen katholischen „Kirchenväter” taxierten, vielleicht als deren „größten”. Nebenbei bemerkt ist es selbst mit dieser „offiziell” geltenden „Verbindlichkeit” seiner Lehre im gestrengen Katholizismus nicht weit her: Nach den profunden Zeugnissen so unterschiedlicher Gutachter wie Leszek Kołakowski * und Kurt Flasch sind die Kernstücke seiner Theologie höchstkirchenamtlich verworfen worden ‒ wenn auch getarnt als Verurteilung seines späten Auslegers und Verteidigers Jansenius. (Ein Streit, in den sich mit besonderer Vehemenz Pascal eingeschaltet hatte, und zwar an der Seite der verklagten „Jansenisten” gegen die verklagenden Jesuiten, die schließlich obsiegten. Doch das ist Dogmenstreit und wird/muß uns nicht weiter interessieren.)

Wohl aber etwas anderes und mehr als nur „Spezielles”: Augustinus ist einer der ‒ an Zahl gar nicht so geringen ‒ Schar profilierter Philosophen, die in ihrem eigenen Leben eine fundamentale „Wende”, ein umstürzendes, alles umkrempelndes Widerfahrnis, ein zumeist als „Vision” erlebtes „Bekehrungs-” oder „Erweckungserlebnis” durchgemacht haben. Wir werden einige aus dieser Sonderkohorte kennenlernen: Gleich der nächste in der Reihe, Nikolas von Kues, der Cusaner, gehört dazu, dann vor allem der schon genannte Blaise Pascal, selbst Descartes (!), in besonderer Nachfolgeschaft zu Augustin Jean-Jacques Rousseau ‒ der in seinen „Confessions” die einschlägige Überwältigung auf seinem Weg nach Vincennes in deutlicher Anlehnung an Augustins Schilderung in dessen „Confessiones” ausschmückt ‒, und schließlich natürlich Nietzsche, dem seine Erleuchtung am Silverplaner See widerfuhr.
Hören wir kurz Friedrich Nietzsche zu, der womöglich die bewegendste Schilderung einer solchen „Inspiration” in seinem Nachruf auf sich selbst, in „Ecce homo”, gegeben hat:

Hat jemand, Ende des neunzehnten Jahrhunderts, einen deutlichen Begriff davon, was Dichter starker Zeitalter Inspiration nannten? Im andren Falle will ich's beschreiben. – Mit dem geringsten Rest von Aberglauben in sich würde man in der Tat die Vorstellung, bloß Inkarnation, bloß Mundstück, bloß Medium übermächtiger Gewalten zu sein, kaum abzuweisen wissen. Der Begriff Offenbarung, in dem Sinn, daß plötzlich, mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit, etwas sichtbar, hörbar wird, etwas, das einen im Tiefsten erschüttert und umwirft, beschreibt einfach den Tatbestand. Man hört, man sucht nicht; man nimmt, man fragt nicht, wer da gibt; wie ein Blitz leuchtet ein Gedanke auf, mit Notwendigkeit, in der Form ohne Zögern – ich habe nie eine Wahl gehabt. Eine Entzückung, deren ungeheure Spannung sich mitunter in einen Tränenstrom auslöst, bei der der Schritt unwillkürlich bald stürmt, bald langsam wird; ein unvollkommnes Außer-sich-sein mit dem distinktesten Bewußtsein einer Unzahl feiner Schauder und Überrieselungen bis in die Fußzehen; eine Glückstiefe, in der das Schmerzlichste und Düsterste nicht als Gegensatz wirkt, sondern als bedingt, als herausgefordert, als eine notwendige Farbe innerhalb eines solchen Lichtüberflusses; ein Instinkt rhythmischer Verhältnisse, der weite Räume von Formen überspannt – die Länge, das Bedürfnis nach einem weitgespannten Rhythmus ist beinahe das Maß für die Gewalt der Inspiration, eine Art Ausgleich gegen deren Druck und Spannung... Alles geschieht im höchsten Grade unfreiwillig, aber wie in einem Sturme von Freiheits-Gefühl, von Unbedingtsein, von Macht, von Göttlichkeit... Die Unfreiwilligkeit des Bildes, des Gleichnisses ist das Merkwürdigste; man hat keinen Begriff mehr, was Bild, was Gleichnis ist, alles bietet sich als der nächste, der richtigste, der einfachste Ausdruck. Es scheint wirklich, um an ein Wort Zarathustras zu erinnern, als ob die Dinge selber herankämen und sich zum Gleichnis anböten (– »hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie wollen auf deinem Rücken reiten. Auf jedem Gleichnis reitest du hier zu jeder Wahrheit. Hier springen dir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf; alles Sein will hier Wort werden, alles Werden will von dir reden lernen –«). Dies ist meine Erfahrung von Inspiration; ich zweifle nicht, daß man Jahrtausende zurückgehn muß, um jemanden zu finden, der mir sagen darf »es ist auch die meine«. –

Wir wissen, an wen er dachte, wenn er meinte, man müsse „Jahrtausende zurückgehn”, um jemanden zu finden, der von sich sagen dürfe, es sei auch die seine ...

Das Besondere, bisher aber oft Übersehene: Eben diese Nachfahren des Damaskus-Reisenden, den es exemplarisch vom Pferd riß und der darüber vom Saulus zum Paulus wurde, weisen allesamt eine luzide Nähe zu den Fragen der Philosophischen Praxis auf, ihnen allen ist die Philosophie keine reine Kopfangelegenheit, sondern eine Erschütterung, die den ganzen Menschen heimsucht, niederwirft und neu auf die Beine stellt.

Wir werden diese Sonderbarkeit mit Blick auf einen abgründigen Gedanken Schopenhauers zu verstehen versuchen, seiner Bemerkung in „Die Welt als Wille und Vorstellung” Band I, wonach der angeborene Charakter sich „zwar nimmermehr theilweise ändern [lasse], [...] wohl aber eben dieses Ganze, der Charakter selbst, kann völlig aufgehoben werden, durch [eine grundstürzende] Veränderung der Erkenntnis”. Ein hilfreich irritierender Gedanke, wenn wir ihn auf die Erfahrungen beziehen, die uns die Philosophische Praxis einträgt.

* Vgl. Leszek Kołakowski, Gott schuldet uns nichts. Eine Anmerkung zur Religion Pascals und zum Geist des Jansenismus, Mainz 2007. Kapitel: „Warum verurteilte die Katholische Kirche die Lehre des hl. Augustinus?”, S. 20-30.

Sonstige Literaturempfehlung (neben den "Bekenntnissen" Augustins):

Kurt Flasch, Augustin. Einführung in sein Denken, Reclam, Stuttgart 1994
Kurt Flasch, Augustinus. Ausgewählt und vorgestellt von Kurt Flasch, Diederichs, München 1996
Die Bekenntnisse (Confessiones) gibt es selbstverständlich in zahlreichen Übersetzungen, u. a. auch von Kurt Flasch und Burkhard Mojsisch in der Reclam-Bibliothek, Stuttgart 1989.
Andere Übersetzungen u. a. auch im Internet: https://bkv.unifr.ch/de.

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